Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Kleine Kinder spielen oft ein Spiel, das heißt: Unsichtbarsein. Sie halten sich die Hände vors Gesicht und rufen: „Wo bin ich?“ Dann nehmen sie die Hände weg und schreien: „Daaa!“ So geht das. Sie denken, wenn sie selbst nichts sehen, sähen auch andere sie nicht. Später funktioniert das nicht mehr – leider, muss man sagen. Man wäre ja gern mal unsichtbar, würde sich irgendwo hinsetzen, wo man nicht hingehört, würde sehen, was man nicht sehen und hören, was man nicht hören soll … Der Musiker Lee Hazlewood – er hat Krebs und wird bald sterben – hat übrigens in einem Gespräch mit dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ dieser Tage erzählt, er habe sich sein Leben lang oft in Bars aufgehalten, um zu lauschen, anderen Leuten zuzuhören und abzuspeichern, was sie reden. Daraus seien viele seiner Songs entstanden, sozusagen in Unsicht-Bars.

Seltsamerweise verbringen viele Menschen ihr halbes Leben damit, sichtbar zu werden, um in der anderen Hälfte zu träumen, unsichtbar zu sein. Oliver Kahn ist so ein Fall. Seit er ein kleiner Junge war, hat er Jahr für Jahr versucht, ein besserer Fußballer zu werden, so dass er heute selbst in Japan nicht über die Straße gehen könnte, ohne dass die Menschen ihm nachblicken und sich ein scheues „Olivel“ zuflüstern. Er wollte berühmt werden. Jeder sollte ihn kennen. Nun ist er 37 Jahre alt, und die „Abendzeitung“ in München hat ihn gefragt, was er sich beim Gute-Fee-Spiel wünschen würde. Oliver Kahn antwortete: „Einmal unsichtbar zu sein und nicht erkannt zu werden!“

Man liest das und stellt sich vor, wie es aussähe, wäre Kahn eines Tages tatsächlich einmal unsichtbar, der erste unsichtbare Torwart der Welt. Für die Fernsehkommentatoren ein fast unlösbares Problem, für die Stürmer auch. Plötzlich würde Miroslav Klose aus unerklärlichem Grund aus dem Hals bluten – Opfer einer Beißattacke des wie immer wütend-rabiaten Unsichtkahns. Kein Schiedsrichter könnte den Torwart wegen des Fouls vom Platz schicken; er wüsste nicht, ob der Mann wirklich ginge. Andererseits ist Unsichtbarkeit im Fußball kein neues Phänomen. Wie oft hören wir Reporter rufen: „Wo war Herthas Abwehr bei diesem Angriff?“ Ja, wo? Unsichtbar.

Kahn hat noch gesagt, Unsichtbarkeit sei ihm in München „nicht möglich“, in Europa „auch schwierig“, in Asien „fast noch mehr“. Und dann: „In den USA geht das vermutlich noch am ehesten.“ Erstaunlicher Satz. Ein so weit gereister, erfahrener Mann glaubt immer noch an Amerika als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dass man dort, vielleicht, unsichtbar werden könnte. Diese Fußballer! Bleiben doch immer kleine Jungs.

Apropos: Wie wäre es mal, Oliver Kahn würde in einem großen Stadion, während ein Stürmer auf ihn zueilt, plötzlich seine Handschuhe vors Gesicht halten und rufen: „Wo bin ich?“

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