Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Die Geschichte von den „Bremer Stadtmusikanten“ gehört zu den seltsamsten Märchen überhaupt. Denn dass ein Esel, den sein Herr nach langen Jahren der Knechtschaft in einer Mühle „aus dem Futter schaffen“ will, wie es bei den Brüdern Grimm heißt, dass ein solcher Esel das Weite sucht, das mag noch angehen. Aber wieso ausgerechnet nach Bremen? Und wie um alles in der Welt kommt er auf den Gedanken, man könnte ihn dort als Stadtmusikant benötigen? Und warum schmückt sich die Stadt Bremen bis heute mit dem Esel und seinen drei Gesellen Hund, Katze und Hahn, wenn doch die vier nie bis Bremen gekommen sind? (Sie finden ja unterwegs ein schönes Räuberhaus, in dem sie sich wohnlich einrichten.) Zumal es ums Bremer Kulturleben nicht zum Besten bestellt gewesen sein kann, wenn jeder alte Esel es für einen naheliegenden Gedanken hielt, er könne dort etwas zur Stadtmusik beitragen. Und in der Hansestadt die Laute zu schlagen, sei immer noch besser als der Tod.

Ich komme auf die Sache zu sprechen, weil wir in Zeiten leben, in denen sich abermals viele Tiere auf die Reise machen: Wollhandkrabben aus Südasien reisen in Ballastwassertanks großer Schiffe Richtung Nordsee; in Nürnberg sind Unmengen von braunen Raupen auf den Dächern der Stadt aufgetaucht, die sich dort in Weißgraue Flechtenbärchen zu verwandeln gedenken, eine in Afrika beheimatete Schmetterlingsart; in München hat man Geckos entdeckt, wie sie sonst in Italien leben, in Nordschwaben hat man einen Pelikan angetroffen, das gab es noch nie, nicht mal in Südschwaben.

Aber wie nur gelangen Geckos aus Italien nach München? Über die Alpen! Wo sie doch, als wechselwarme Tiere, sofort erstarren müssten. Reisen sie auf den Auspuffrohren großer Lastwagen? In den Toiletten des Nachtzuges aus Neapel? Als Ballast-Echse im Flugzeug aus Palermo? Auf der Autobahn nahe Budapest saßen dieser Tage 5000 Kaninchen herum, aber sie waren nicht freiwillig dorthin gereist, sondern in einem Lastwagen, der bei einem Verkehrsunfall umgekippt war. Und sie hätten ihre Freiheit gar nicht genutzt, berichtet die Polizei, sondern einfach in der Sonne herumgesessen und Gras zu sich genommen. Was hätten sie sonst tun sollen? Sofort die Autobahn unterwühlen? Richtung Wien weitertrampen? Der Freiheitsbegriff der Kaninchen scheint ein anderer zu sein als jener der ungarischen Autobahnpolizei.

Aus Amerika kommt die Nachricht, der Ölkonzern ConocoPhillips wolle in Zusammenarbeit mit Tyson Foods, dem größten Fleischproduzenten der Welt, das Fett von Rindern, Schweinen und Geflügel zu Dieselöl verarbeiten. Man möchte am liebsten sofort sein Auto verkaufen, so eklig klingt das. Die Sau im Tank! Etwas Besseres als den Tod finden wir überall? Das ist vorbei, endgültig vorbei.

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