Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Das Leben ist eine Rennbahn, gewiss, aber durch den Fall des Briten Alec Holden bekommt diese banale Erkenntnis einen neuen Aspekt. Holden hat vor zehn Jahren (da war er neunzig) bei dem Buchmacher William Hill eine Wette darauf abgeschlossen, dass er hundert Jahre alt würde. In der vergangenen Woche hat er gewonnen: Er feierte Geburtstag und bekam 25 000 Pfund. Die Leute von der Buchmacherfirma beschlich ein mulmiges Gefühl. Sie haben vor Jahren anscheinend eine ganze Reihe solcher Wetten abgeschlossen. Hundert Lebensjahre, sagt ein Vertreter des Wettbüros, das sei damals ein kaum erreichbares Datum gewesen, man habe gewaltige Gewinnchancen geboten. Aber nun beginne die Sache teuer zu werden. Die Leute würden immer älter, viele würden ihre Wetten tatsächlich gewinnen. Man werde in Zukunft auf die 100 nicht mehr wetten, nur noch auf die 110.

Vielleicht muss man bei der Sache bedenken, dass normalerweise nur bei Vorgängen gewettet wird, auf die man keinen Einfluss hat. Pferderennen, Fußballspiele, Prinzenhochzeiten, die Auslosung von Zahlen. Aber das eigene Leben? Da kann man doch etwas tun. Alec Holden isst täglich eine Schüssel Haferbrei und spielt Schach, „um das Atmen nicht zu vergessen“. Man sieht: Diese 25 000 Pfund sind hart erarbeitet. Wie sagte doch der kleine Lillebror aus Astrid Lindgrens Buch „Karlsson vom Dach“, wenn ihm etwas zu essen vorgesetzt wurde, was er nicht mochte: „Lieber tot sein.“ Es gibt eine Menge Leute, die auf ein paar Lebensjahre verzichten würden, wenn sie dafür nie Haferbrei essen müssten.

Ohnehin ist es nicht jedermanns Sache, eine Wette anzunehmen, wie sie Holden abschloss. Muss man nicht den Buchmacher von dem Tag an fürchten, an dem man mit ihm wettete? Wird er der Versuchung widerstehen können, einem das Leben schwerer zu machen? Man muss nicht gleich an Auftragskiller denken, manchmal reicht es schon, einem alten Menschen einen schönen Schrecken einzujagen… Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass es diese Art von Alterswette schon lange gibt, dass sie einen riesigen Geschäftszweig bildet. Man nennt das Ganze Lebensversicherung.

Die Frage ist: Warum dehnt man diesen Zweig des Wettgeschäfts nicht auf die ganze Gesellschaft aus? Was würde geschehen, wen wir nicht nur auf unseren eigenen 100. (oder den 110.) wetten könnten, sondern auch auf den des Nachbarn? Oder den von Onkel Heinz? Würde das nicht menschlichen Beziehungen eine ganz neue Qualität geben, indem sich nämlich der Nachbar oder Onkel Heinz auf eine Weise umsorgt fände, wie es ihm bisher unbekannt war? Nur: wenn er es dann nicht schafft… Auf die Beerdigungsfeierlichkeiten fiele ein Schatten, wenn enttäuschte Lebenslottospieler am Grabe stünden und dächten: Er hätte sich mehr Mühe geben können, jetzt hat er mich enttäuscht…

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