Politik : Und wir lesen doch

FRANKFURTER BUCHMESSE

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Von Hellmuth Karasek

Wenn es stimmt, dass die Hälfte aller Ökonomie Psychologie ist, dann steht es um die alljährlich im Herbst in Frankfurt stattfindende Buchmesse, die größte Bücherschau der Welt, nicht gut. Denn alle, die mit Büchern zu tun haben und damit auf dem Buchmarkt agieren, befinden sich in einer Existenz- und damit Selbstverständniskrise.

Alle, wirklich alle: die Autoren, ihre Verleger, ihre Agenten, ihre Buchhändler, ja auch ihre Kritiker und Rezensenten, jene, die man vor Jahren im neo-marxistischen Jargon spöttisch und keineswegs anerkennend, wie es sich gehörte, ihre „Zirkulationsagenten“ genannt hat. Denn die Buchmesse dient – wem denn sonst? – der Buchzirkulation; sie ist ihr Markt und ihre Feier, sie ist die größte Party und das größte Verkaufspalaver um das gedruckte Wort, über das hier fast eine Woche lang geredet, gefeilscht und gelästert wird.

Schon Lessing wusste, dass die Kunst nach Brot geht. Und das Brot, nicht wahr!, das stellte sich auf der Buchmesse als ein einziger riesengroßer Kuchen dar, von dem es für alle, wirklich für fast alle, viel und reichlich und jedes Jahr mehr gab. Jahr für Jahr meldete die Branche stolz wachsende Verkaufs- und Produktionszahlen. Die Messe stand unter einem nahezu olympischen Motto: „Größer! Höher! Weiter!“ Optimismus, wenn auch von der metierüblichen Melancholie wie mit einem schönen Trauerrand umgeben, war die Devise.

Das ist nun gründlich anders. Um mit der Stimmung zu beginnen, so hat die aggressive Aufladung, die aus der Angst und der Zukunftsangst resultiert, fast jede utopische Hoffnung verzehrt: Alle bekämpfen etwas, statt für etwas zu kämpfen – und wenn sie nur diejenigen bekämpfen, die etwas bekämpfen wollen.

Die Branche aber kämpft ums nackte Überleben. Das gilt für die Verlage, ohne deren Vorschüsse junge Autoren meist gar nicht erst mit dem Schreiben anfangen können. Die Goldgräberstimmung, die unter der „Generation Golf“ und den jungen Autorinnen herrschte, ist völlig verflogen. Die Buchprogramme werden durch eine rigide, aus ökonomischer Not und Furcht geborene Zensur beschnitten.

Das gilt für die Buchhandlungen. Wer sich den Kiepert-Fall vor Augen hält, wer liest, wie auch große Buchhandlungsketten ins Straucheln kommen, obwohl sie doch ihr Buchangebot, ihr Sortiment längst stromlinienförmig marktgerecht zurechtgestutzt haben, weiß, was da den Büchern nicht mehr blüht.

Das gilt für die Zeitungen, dem eigentlichen täglichen Stellenmarkt der Kultur und Literatur. Hier schneidet die Zeitungskrise, die eine Anzeigenkrise ist, tief in das Fleisch der Kultur.

Weniger Platz für Literatur, für die Besprechung von Büchern, weniger Raum für den Diskurs über die Literatur, weniger Redakteure, die sich der Kultur annehmen können und dürfen – so sieht hier zumindest die unmittelbare Zukunft landauf, landab aus. Natürlich liegt der letzte entscheidende Grund am Ende der Zirkulationskette: Es werden deutlich weniger Bücher gekauft. Es gibt zur Zeit weniger Leser.

Gewiss, der Kuchen in Deutschland war im Vergleich zu anderen Ländern besonders üppig, fett und groß, er wird auch in den mageren Jahren nicht vom Tisch verschwinden. Und Kultur gibt es auch und gerade in widrigeren Umständen. Noch nagt die Kultur nicht am Hungertuch, noch sitzen die Meisten an einer gut gedeckten Tafel. Und auch die Bücher, die als Neuerscheinungen die Messe zieren, können sich nach wie vor sehen, können sich nach wie vor lesen lassen.

Wäre da die Stimmung nicht, von der wir nicht wissen: Ist sie nur ein Zwischentief? Oder gar der Anfang vom Ende? Da es, das lehrt die Erfahrung, ein Ende nicht gibt, nicht geben kann und wird – ist es da nicht mehr als ein Zufall, dass Rückbesinnung und Kanonisierung große Themen sind? Der Kanon, der Literatur-Kanon beherrscht den Bücherherbst. Was besitzen wir, welchen Bildungsbesitz aus der Vergangenheit sollten wir uns aneignen? Und das schon deshalb, weil nur aus Wurzeln Neues wächst.

Wenn die Hälfte aller Ökonomie Psychologie ist, muss man auch hart an der Psychologie arbeiten.

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