Ungarn 1989 : Löcher im Zaun nach Österreich

Am 27. Juni 1989 zerschnitt Ungarns Außenminister den Eisernen Vorhang. Ein Besuch an den Orten, an dem das Land vor zwanzig Jahren Geschichte schrieb

Matthias Meisner[Budapest]

Die steinernen Zeugen der kommunistischen Ära sind an den Stadtrand verbannt. Die Denkmäler von Lenin, Marx, Engels, die bis zur Wende 1989 zum Stadtbild von Budapest gehörten, stehen heute in einem Freilichtmuseum. Selbst den sechs Meter hohen „Soldaten der Befreiung“ mit der Flagge der Sowjetunion, der jahrzehntelang auf dem Gipfel des Gellért-Berges stand, hat man zu diesem Schotterfeld geschafft, wie es ähnlich in Europa sonst nur noch in Litauen zu finden ist.

Vor 20 Jahren hat die damalige sozialistische Regierung in Ungarn zugelassen, dass der Eiserne Vorhang löchrig wurde. Die Ungarn durften damals schon, einmal im Jahr, ganz legal in den Westen reisen. Am 2. Mai begannen Grenzwächter und Soldaten mit der Demontage der Grenzhindernisse. Am 27. Juni 1989 zerschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, in der Nähe der Stadt Sopron die Drähte des Zauns. So bekam auch die Mauer den ersten größeren Riss.

Im Statuenpark wird die Geschichte in einer eigenwilligen Mischung erklärt und verklärt. In einem Pavillon erinnern Dokumentarfilme an den gescheiterten Umsturz 1956, die Schrecken des Regimes, das Wendejahr 1989. Die amerikanischen Touristen, die sich nach Südbuda aufmachen, erfreuen sich mehr am ostalgischen Teil. Sie kaufen alte Offiziersmützen, Postkarten aus der Sowjetunion und Lenin-Anstecker. „Was unglaublich Skurriles“ hat die aus München stammende und in London lebende Künstlerin Liane Lang zu diesem Freilichtmuseum beigesteuert. Die 35-Jährige lässt eine Latex-Figur vom Lenin-Denkmal baumeln, findet das spaßig und absurd. „Ich hab den Horror ja auch nicht miterleben müssen“, sagt sie.

Militärparade, Gedenksitzung im Parlament, Galavorstellung in der Staatsoper – an diesem Samstag sollen in Budapest Staatsgäste aus Ost und West den Beitrag des Landes zur deutschen und auch europäischen Wiedervereinigung würdigen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) war Anfang Juni in Budapest, um die „mutigen Ungarn“ zu loben. Im August will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kommen. Am 9. September wird auf Einladung des ungarischen Botschafters in Berlin ein 100-köpfiges Zigeunerorchester im Haus der Kulturen der Welt aufspielen – mit dabei Ungarns Staatspräsident László Solyom und Bundespräsident Horst Köhler. Bescheiden sagt der damalige ungarische Ministerpräsident Miklós Németh rückblickend: „Wir haben unseren Beitrag geleistet.“

Zehntausende Ostdeutsche waren im Sommer 1989 nach Ungarn gereist – um das Loch im Zaun nach Westen zu finden. In den Budapester Parks hatten sie ihre Zelte aufgeschlagen, überall parkten sie mit ihren Wohnwagen, Besetzer brachten die bundesdeutsche Botschaft an den Rande ihrer Kapazität. Vier Flüchtlingslager wurden allein in Budapest eröffnet, am Balaton wurde eine Pionierstadt zur Nachsaison entsprechend umfunktioniert.

Der Pfarrer der Kirchgemeinde „Zur heiligen Familie“ in Budapest, Imre Kozma, öffnete im August den großen Garten seiner Pfarrei für die Flüchtlinge. Er hängte an den Eingang ein Schild mit dem Spruch „Ianua patet, cor magis“, „Das Tor steht offen, mehr noch das Herz“. Hunderte von Helfern, unterstützt von den deutschen Maltesern, versorgten die Lagerbewohner. Ein paar Wochen lang machte der Pfarrer Weltpolitik, bis Außenminister Horn am 10. September in den Spätnachrichten die Öffnung der Grenze nach Österreich verkündete.

Seit ein paar Jahren gibt es neben der Kirche eine kleine Ausstellung. Im Sommer vergangenen Jahres, 19 Jahre nach ihrer Ausreise, notierte Familie Lehmann aus Dinslaken im Gästebuch: „Inzwischen haben wir unser Leben in ,Freiheit’, wie man so schön sagt, gut angenommen und denken noch gern an die Zeit unserer Flucht zurück.“

57 000 DDR-Bürger passierten im Sommer 1989 die ungarisch-österreichische Grenze, um in die Bundesrepublik zu gelangen. Die Fluchtwelle hielt bis zum Fall der Berliner Mauer an. Dass Ungarn diese Schlüsselrolle bekommen konnte, lag auch daran, dass das Land viele Jahre lang Ost-West-Treffpunkt war. Anfang der 1960er Jahre entschieden die Kommunisten, dass die „inneren Verhältnisse der Volksrepublik so beschaffen sind, dass wir sie sowohl unseren Freunden als auch unseren wohlwollenden Kritikern vorzeigen können“. An Europas größtem Binnensee, dem Balaton, wurde Deutsch zur Ferienzeit zur ersten Landessprache, Kinder lernten es noch vor Russisch oder Englisch in der Schule. Zu den zufälligen deutsch-deutschen Begegnungen kamen die geplanten: Im Hotel Helikon in Keszthely an der Westspitze des „Ungarischen Meeres“ etwa hatte man in den Speisesaal absichtlich fast nur Achtertische gestellt – so klappten die Familientreffen am besten. Knapp 1,3 Millionen DDR-Touristen kamen 1989 nach Ungarn, aus Westdeutschland waren es knapp 1,5 Millionen. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit entsandte Saisonkräfte, damit die kleine Freiheit ihrer Landsleute nicht außer Kontrolle geriet.

Gleichberechtigt waren die Gäste aus Ost und West nicht: Die DDR-Urlauber konnten nur sehr begrenzt ihre Landeswährung in Forint umtauschen. Daheim deckten sie sich ein mit Bettwäsche, Kinderschuhen und Haushaltsgeräten, um in Ungarn ein wenig Luxus einzutauschen. Attila Nagy, in den 80er Jahren Touristenführer beim ungarischen Jugendreisebüro Express, erinnert sich an geteilte Speiseräume in den Pensionen: „Im einen Teil standen luxuriös gedeckte Tische, es gab Scharen von Kellnern – für Westdeutsche. Im anderen Teil blieben die Tische nackt, und Selbstbedienung wurde eingeführt – für Ostdeutsche.“

Seit der Wende ist die Zahl der deutschen Touristen stark rückläufig. Bedient werden Retro-Gefühle – die Gaststätte Piratenhütte in Balatonfüred hat wie eh und je Langosch auf der Karte, ungarisches Fladenbrot, dazu gibt es Palinka, Aprikosenschnaps. „Hier ist die Zeit stehen geblieben“, sagt Mária Csáczárné Lits, die Direktorin des ältesten Hotels Napfény (Sonnenschein) in Siófok. Zum Beweis führt sie Besucher in den dritten Stock. Dort gibt es eine kleine Bibliothek, auf den Lesekarten steht „Reisebüro der DDR, Saisonvertretung in der Ungarischen Volksrepublik“. Der herangekarrte Lesestoff sollte DDR-Urlauber davon abhalten, sich westdeutsche Zeitungen zu besorgen, die damals in Ungarn schon am Kiosk zu haben waren.

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