Politik : Ungarn

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Tamás Boros,


Generation 25

Das Europa des Jahres 2007 definiert sich nicht mehr nur durch seine gesetzten Ziele, es ist auch von Ungewissheit umgeben. Es gibt viele Fragen, aber es gibt keine eindeutigen Antworten. Was ist wichtiger, die wirtschaftliche Entwicklung oder die Solidarität? Sollen wir die Integration weiter vertiefen oder haben wir schon sowieso zu viel von unserer nationalen Souveränität aufgeopfert? Stellt die Türkei ein Teil von Europa und Russland ein Teil von Asien dar? Oder ist es umgekehrt: Sollen wir Russland als Europa, die Türkei als Asien betrachten? Werden die Grenzen Europas von der kulturellen Gleichheit oder von geografischen Daten bestimmt? Kann ein Land unser politischer Verbündeter sein, das gleichzeitig unser wirtschaftlicher Feind ist? Und kann ein Land unser wirtschaftlicher Verbündeter sein, das mit unserer Demokratie verfeindet ist?

Die Zeit ist reif, Europa neu zu erfinden! Wir müssen ermitteln, welche Ziele in den nächsten 50 Jahren die Länder und Einwohner des Kontinents bewegen. Es muss beleuchtet werden, welche Werte für die Menschen in Europa maßgebend sind, an welchen sich alle festhalten können.

Lasst uns Europa neu erfinden!Der Autor, Jahrgang 1981, war unter anderem als Berater für die EU-Informationshotline Ungarns und als Projektmanager für die EU-Kommunikation in Ungarn tätig.



László Márton,
Generation 50



In meiner Kindheit habe ich mir Europa als ein Lebewesen, genauer gesagt eine Mißgeburt vorgestellt. Nicht weit vom Kopf (d. h. der iberischen Halbinsel) befand sich ein gestiefelter Fuß (Italien), darunter eine verkrüppelte Hand (der Balkan). Die Mütze (Großbritannien) wurde vom Wind weggerissen, und am buckligen Rücken saß eine satte Angorakatze (Skandinavien). Und im Osten war alles verschwommen, man konnte nicht ganz genau sehen, wo dieses merkwürdige Lebewesen eigentlich endet. Aber wir – wir, Ungarn! – sind doch nicht am äußeren Rande! – stellte ich fest, während ich die Landkarte beobachtete. Wir gehören bestimmt dazu! Das Karpatenbecken, wo ich meine Kindheit verbracht habe und mich auch jetzt befinde, glich am meisten einem Magen. Wir Ungarn müssen von Europa verdaut werden – dachte ich.

In meiner Jugend musste ich mich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass ich und das Land, zu dem ich gehöre, die sogenannte „Volksrepublik“ Ungarn, von Europa ausgegrenzt sind. Bei meinen ersten Reisen nach Westen musste ich hundertmal hören: „Wir in Europa... und ihr im Ostblock!“ Diese Parole war offen und aufrichtig, sie war sogar gut gemeint. Außerdem wusste ich genau, dass die kommunistischen Satellitenstaaten sich selbst ausgebürgert hatten. Ich fühlte mich trotzdem beleidigt, nicht so sehr wegen meiner Person oder meines Landes, vielmehr wegen des Kontinents. Was soll diese Selbstverstümmelung? – stellte ich mir die Frage. Warum verzichten die Westeuropäer so leicht auf die Hälfte des Kontinents und der gesamten europäischen Tradition? Für mich war nämlich die europäische Tradition das einzige, was ich den diktatorischen Ideologien entgegensetzen konnte.

Und jetzt als Schriftsteller von mittlerem Alter versuche ich so wenig wie möglich über Europa zu reden, weil das Europäertum nunmehr so gut wie selbstverständlich ist. Wenn ich die Frage, was Europa für mich bedeutet, kurz beantworten sollte, würde ich sagen: das normale Alltagsleben.

Der Autor, Jahrgang 1959, gilt als einer der einfallsreichsten Erzähler der jüngeren Generation.

Gyula Horn,
Generation 75

Eine Reihe europäischer Nationen hat bewiesen, dass wir zum Wandel durchaus fähig sind. Es scheint, wir haben Bertold Brechts tiefsinnige Botschaft verstanden, laut welcher die Versuchung zum Guten ungeheuer ist.

Der Autor, Jahrgang 1932, war Außenminister und von 1994-1998 Ministerpräsident Ungarns. Im ungarischen Fernsehen verkündete er am 10. September 1989, dass den DDR-Bürgern, die sich im Land aufhielten, die Ausreise gestatten wird. Damit trug er zum Fall der Berliner Mauer und der Deutschen Einheit bei.

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