Politik : „Ungeahnte Aggressivität“

Dortmunds Polizei staunt über die Allianz von Hooligans und gewaltbereiten „normalen“ Fans

Frank Jansen

Dortmund/Berlin - Knapp eine Woche nach Beginn der WM hat sich die Stimmung etwas eingetrübt. Nur mit Mühe konnte die Polizei am Mittwoch in Dortmund am Rande des Spiels Deutschland gegen Polen Krawalle von Hooligans eindämmen. 33 Personen wurden verletzt, darunter ein Polizist, den ein Hooligan biss. Am Ende des Tages hatten die Beamten 431 Fans in Gewahrsam genommen. Randaliert hatten vor allem deutsche Hooligans und angetrunkene „normale“ Fans, die sich austoben wollten. Dortmunds Polizeipräsident Hans Schulze war konsterniert. Zahlreiche Fans hätten „ein erstaunlich hohes Aggressionspotenzial“ gezeigt, sagte Schulze in der Nacht zu Donnerstag. „Vielen Leuten war ins Gesicht geschrieben: Heute ist Randale in Dortmund.“

Dabei war die Polizei mit 2000 Beamten gut im Bilde. Als szenekundige Beamte gegen 19 Uhr 30 am Alten Markt eine große Gruppe deutscher Hooligans feststellten, wurde sofort reagiert. Die Polizei kesselte 148 Hooligans ein, viele waren als Gewalttäter aufgefallen – unter anderem beim Länderspiel zwischen der Slowakei und Deutschland im September 2005 in Bratislava. Damals hatten Deutsche randaliert und Parolen wie „SS-SA-Germania“ gegrölt. Doch in Dortmund schlugen nicht nur die Hooligans um sich. Sie wurden von jungen Biertrinkern unterstützt, die zuvor der Polizei nicht bekannt waren. Die Beamten erlebten dann, was in Berlin bei den Krawallen am 1. Mai jahrelang üblich war: Harte Randalierer und ein actionsüchtiges Publikum warfen Flaschen, Tische, Stühle und Steine auf die Beamten.

Nur dank des raschen Einsatzes von Spezialeinheiten gelang es der Polizei, ein Ausufern der Krawalle zu verhindern. Einige Randalierer wollten die Absperrung zum nahen Friedensplatz niederreißen, um die dort versammelten Fans in den Krawall hineinzuziehen. Das konnten die Polizeikräfte gerade noch verhindern. „Aber auch da schlug uns eine ungeahnte Aggressivität entgegen“, sagte ein Sprecher des Dortmunder Präsidiums am Donnerstag. Die Situation habe sich zudem weiter zugespitzt, als nahezu zeitgleich in den Straßen rings um den Alten Markt deutsche und polnische Fans aneinander gerieten. Die von Sicherheitsexperten befürchtete „Schlacht“ zwischen Hooligans beider Länder blieb aber aus. Schon weil die Dortmunder Polizei vorgesorgt hatte.

Nach und nach nahmen Beamte präventiv 100 polnische Hooligans in Gewahrsam, die als gefährlich galten. Polnische Polizisten hatten einschlägig bekannte Landsleute identifziert. Bei einigen wurden gefährliche Gegenstände wie Totschläger entdeckt. Nach Beobachtung eines Sprechers der antirassistischen polnischen Gruppierung „never again“, der am Mittwoch in Dortmund war, hatten sich Hooligans aus Warschau, Stettin, Gdynia und Poznan versammelt. Gewalttätige Fans des Vereins Lech Poznan waren im November 2005 an der Massenschlägerei polnischer und deutscher Hooligans in einem Wald bei Frankfurt (Oder) beteiligt.

Bei den Ausschreitungen in Dortmund haben nach Angaben aus Polizeikreisen auch Leipziger Hooligans mitgemischt. Festgenommen wurden allerdings fast nur Personen, die ihren Wohnsitz in Dortmund und Umgebung haben.

Von den 431 in Gewahrsam genommenen Fans stammen 278 aus Deutschland und 119 aus Polen. Der Rest verteilt sich auf andere europäische Länder. Laut Staatsanwaltschaft Dortmund wurden aber nur 95 der 429 Personen auch festgenommen, davon 50 wegen der Krawalle. Die Staatsanwaltschaft leitete 64 Ermittlungsverfahren ein. Auf beschleunigte Verfahren werde allerdings verzichtet, sagte eine Sprecherin der Anklagebehörde. Zu einem kleineren Krawall kam es in der Nacht zu Donnerstag auch in Hildesheim. Nach einem Streit zwischen deutschen und polnischen Fans erteilte die Polizei Platzverweise. Die Polen zogen ab, die Deutschen warfen Flaschen auf die Beamten. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein und nahm neun Personen in Gewahrsam.

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