Politik : Ungeschminkt

Esther Kogelboom

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

In letzter Zeit ist viel von Verwahrlosung die Rede. Alles fing damit an, dass man dringend ein Wort brauchte, um das äußere Erscheinungsbild des gefassten Saddam Hussein zu beschreiben. Die einen schrieben, der gefangene Ex-Diktator wirke wie ein „Penner“. Andere verglichen ihn mit einer „Krippenfigur“. Es wurden Bilder abgedruckt von Saddams siffiger Küche, die sich – vielleicht abgesehen von den zerplatzten Eiern auf dem Boden – gar nicht mal so sehr von einer durchschnittlichen Berliner Männer-WG-Küche unterschied.

Die Bilder des Tyrannen und seiner Lebensumstände gingen um die Welt. In Jordanien reagierte eine 70-jährige Hausfrau derart geschockt auf die Bilder des schmuddeligen Bärtigen und seiner Behausung, dass sie vor dem Fernseher einen Herzinfarkt erlitt und wenig später starb – ihre Familie gab an, die alte Dame sei eigentlich kerngesund gewesen.

Mit männlich-ungepflegtem Aussehen ist kein Staat mehr zu machen. Auch wenn das Rollenspiel noch gepflegt wird: Dafür spricht auch, dass zum Europäischen Presseball, der 2004 im neuen Ritz Carlton am Potsdamer Platz stattfinden wird, extra eine Beauty-Ecke eingerichtet werden soll. Dort können sich die Damen nach wilden Tänzen auf dem Parkett wieder aufhübschen lassen. Beim Bundespresseball im Herbst gab es ein ähnliches Angebot, von dem die Hauptstädterinnen regen Gebrauch machten. Und am Morgen danach? Nach kurzer Nacht mag sich manche fühlen, als sei sie gerade aus dem Erdloch gekrabbelt. Aber tot umfallen muss deshalb keiner.

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