Ungewohnt locker : Papst nimmt Abschied von Israel

Der Papst zeigt sich beim Treffen mit anderen Religionsvertretern ungewohnt locker – und appelliert zum Abschied an Israel.

Martin Gehlen[Jerusalem]
Papst
Herzlicher Abschied. Papst Benedikt XVI. schüttelt Schimon Peres und Benjamin Netanyahu (l) noch einmal die Hand. -Foto: dpa

Ein Lied markierte die Wende – mit einem Mal ließ sich auch der schüchterne Papst mitreißen. Als Alon Goshen-Gottstein mit bebender Stimme die Strophe „Schalom, Salam, Herr gib uns Frieden“ anstimmte, fasste Benedikt XVI. spontan den jüdischen Rabbi und einen muslimischen Scheich neben sich bei der Hand und summte leise mit. Die Melodie hatte der musikalische Rabbi in der Nacht zuvor eigens für dieses interreligiöse Treffen im Pfarrsaal der Verkündigungskirche in Nazareth komponiert, wo sich Drusen mit weißen Hüten und langen Schnurrbärten, Juden mit Kippas, Mönche in unterschiedlichen Roben und muslimische Imame munter mischten. Versöhnliche Gesten, entspannte Gesichter, eine fast lockere Atmosphäre prägten die Schlussphase der achttägigen Papstreise durch Jordanien, Israel und die besetzten palästinensischen Gebiete. Der verkrampfte Auftakt in Israel – mit dem kritisch kommentierten Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem und dem Eklat beim ersten interreligiösen Gespräch in Jerusalem – waren nahezu vergessen.

Begeistert hatten am Donnerstag 40 000 arabische Christen das katholische Oberhaupt beim Gottesdienst unter freiem Himmel auf dem „Berg des Absturzes“ nahe der Stadt Nazareth gefeiert. In seiner Predigt rief Benedikt XVI. die Menschen zur Versöhnung auf „in Treue zu unserem gemeinsamen Glauben an den einen Gott“. Und er beschwor sie, die zerstörerische Kraft von Hass und Vorurteilen zurückzudrängen, „die die Seelen der Menschen vor ihren Körpern tötet“. Seit den klaren Worten in Bethlehem zur Blockade des Gazastreifens, der israelischen Sperrmauer und dem Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat in sicheren, international anerkannten Grenzen hatte Benedikt die Herzen der einheimischen Gläubigen endgültig für sich gewonnen.

Die Mauer sei für ihn einer der „traurigsten Eindrücke seines Besuches“ gewesen, sagte das katholische Oberhaupt dann auch in seiner Bilanz auf dem Flughafen von Tel Aviv, wo er sich mit einem dramatischen Appell an beide Konfliktparteien verabschiedete. „Schluss mit dem Blutvergießen, Schluss mit den Kämpfen, Schluss mit dem Terrorismus, Schluss mit dem Krieg“, rief der Pontifex aus. „Lasst uns den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen.“ Möge es dauerhaften Frieden, Versöhnung und Heilung geben auf der Basis von Gerechtigkeit.

Seinen Besuch in Yad Vaschem nannte er „den ergreifendsten Moment“ seines Aufenthaltes in Israel. Die Begegnung mit den Überlebenden des Holocausts habe ihn „tief bewegt“ und gleichzeitig erinnert an seinen Besuch in Auschwitz vor drei Jahren, „wo so viele Juden brutal ausgerottet worden sind von einem gottlosen Regime, das eine Ideologie von Antisemitismus und Hass propagierte“. Dieses schreckliche Kapitel der Geschichte dürfe niemals vergessen oder geleugnet werden.

Er sei gekommen als Freund der Israelis, genauso wie als Freund des palästinensischen Volkes, wandte sich der Papst zum Schluss an den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres. Israel habe ein Recht auf Existenz in Frieden und Sicherheit innerhalb international vereinbarter Grenzen – dies müsse international anerkannt werden. Genauso aber habe auch „das palästinensische Volk das Recht auf eine souveräne und unabhängige Heimat, um in Würde leben und frei reisen zu können“.

Und bevor sich Benedikt XVI. schließlich an Bord einer Boeing 777 der israelischen Fluggesellschaft El Al auf den knapp vierstündigen Rückflug nach Rom machte, appellierte er ein letztes Mal eindringlich an die auf dem Rollfeld angetretene gesamte israelische Staatsspitze: „Lasst die Zwei-Staaten-Lösung zur Realität werden. Lasst sie nicht ein Traum bleiben.“

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