Politik : Ungleiche Zwillinge

Vor 60 Jahren wurden Indien und Pakistan unabhängig – und gingen ganz unterschiedliche Wege

Ruth Ciesinger
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Berlin - Kurz vor halb zwölf Uhr mittags stoppt am 13. Dezember 2001 vor dem indischen Parlament in Delhi ein Wagen. Fünf uniformierte Männer springen heraus und versuchen, drei der Eingänge des Gebäudes zu stürmen. Nach einer heftigen Schießerei mit den Sicherheitskräften sind die fünf Attentäter und sieben weitere Menschen tot, 25 verletzt, und die beiden Atommächte Indien und Pakistan stehen kurz vor einem neuen Krieg.

Für Delhi war sofort klar: Hinter dem Attentat stecken von Pakistan geförderte Rebellen aus Kaschmir. Der damalige Premier Vajpayee drohte Islamabad, in den kommenden Monaten marschierten an der Kontrolllinie in Kaschmir und der internationalen Grenze zwischen beiden Staaten rund eine Million Soldaten auf. Erst im Spätsommer 2002 beruhigte sich der Konflikt. Seitdem haben sich beide Länder im Streit um die Himalajaprovinz deutlich angenähert. Doch das Verhältnis der Staaten, die vor genau 60 Jahren aus der früheren britischen Kolonie Indien hervorgegangen sind und in die Unabhängigkeit entlassen wurden, ist immer noch alles andere als entspannt. Und ihre blutige Historie hat internationale Auswirkungen. Pakistan, auf Urdu „Land der Reinen“, sollte für die Muslime des Subkontinents eine eigene Heimat werden. 1947, im Jahr der Teilung, mussten aber erst einmal Millionen Menschen ihre alte Heimat verlassen, um nach Indien oder Pakistan überzusiedeln; bei Kämpfen zwischen den Religionsgruppen starben mehr als eine halbe Million Muslime, Sikhs und Hindus. Der Streit, ob Kaschmir zu Indien oder Pakistan gehört, führte immer wieder zu Kriegen; ein innerpakistanischer Konflikt, in den Indien eingriff, endete 1971 in der Abspaltung des damaligen Ostpakistans und der Gründung von Bangladesch.

Heute hat Pakistan selbst ein massives Problem mit den Islamisten, die jahrelang im Konflikt mit dem deutlich größeren Indien strategisch genutzt worden sind. Als am Dienstag – einen Tag früher als im Nachbarstaat – die Staatsgründung gefeiert wurde, waren aus Angst vor Anschlägen Feuerwerke verboten. Nur über dem Parlament in Islamabad wurde um Schlag Mitternacht ein offizielles Feuerwerk gezündet, das ein aufziehender Regen trübte. In Indien, das an diesem Mittwoch seine Unabhängigkeit feiert, warnte die Polizei ebenfalls vor Anschlägen.

Der indisch-pakistanische Konflikt hat außerdem, etwas überspitzt formuliert, zwei Nuklearmächte hervorgebracht, die keine Mitglieder des Atomwaffensperrvertrags sind. Im Wettrüsten auf dem Subkontinent hat Indien inzwischen 50 bis 90 Atomwaffen, Pakistan soll zwischen 30 und 60 Atomwaffen besitzen, schätzt das Stockholmer Institut zur internationalen Friedensforschung. Doch anders als Pakistan gilt Indien international nicht als Paria, sondern hat sogar mit den USA gerade ein Nuklearabkommen geschlossen. Wohl auch deshalb, weil Indien als größte Demokratie der Welt gilt und nicht bekannt ist, dass Delhi sein Nuklearwissen an unbequeme Dritte weitergereicht hat. In Pakistan dagegen regiert mit Pervez Musharraf der inzwischen vierte Militärdiktator, der pakistanische Wissenschaftler A.Q. Khan soll die Nordkoreaner beim Ausbau ihres Atomprogramms unterstützt haben.

Im Wettbewerb um das bessere Image liegt Indien nach 60 Jahren weit vorn, wird mit Wirtschaftswachstum und Hightech assoziiert. Im Zusammenhang mit Pakistan dagegen fällt oft das Wort Al Qaida. Dabei hat sich das Land in den vergangenen Jahren zumindest wirtschaftlich gut entwickelt, auf dem Welthungerindex liegt es vor Indien, wo ein deutlich größerer Prozentsatz der Bevölkerung in krasser Armut lebt. Doch weil die politische Lage in Islamabad, wo in diesem Jahr gewählt werden soll, mehr als angespannt ist, fragt sich jetzt nicht nur der Journalist Jugnu Moshsin im „Guardian“: „Wird Pakistan das heil überstehen?“

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