Politik : UNHCR: In Bedrängnis

Matthias Meisner

Rupert Neudeck wird wieder voll auf die Emotionen setzen. An diesem Mittwoch will der Gründer und Sprecher der Hilfsorganisation Cap Anamur auf einer Pressekonferenz in Bonn zum Gegenschlag ausholen gegen das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Das hat Neudeck vorgeworfen, seine Flüchtlingslager im Kosovo seien die "schlechtesten von allen". Cap Anamur habe, so der UNHCR-Vorwurf, die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen verweigert und so Nachteile für die albanischen Flüchtlinge in Kauf genommen.

Mit dabei sein soll Neudecks Freund Norbert Blüm. Der prominente CDU-Politiker hatte mehrere Tage und Nächte im albanischen Cap-Anamur-Lager in Kukes verbracht. Rührselig beschreibt Neudeck in einem am Dienstag verschickten Brief an seine Spender, wie Blüm mit den Vertriebenen in den Zelten Kaffee trank und seine Pfeife rauchte. "Unheimlich geladen" sei Blüm über den UNHCR, verspricht Neudeck schon mal. Und Neudeck selbst munitioniert sich im Gespräch mit dem Tagesspiegel: "Total versagt" habe das UN-Flüchtlingshilfswerk, behauptet er und erklärt, dass die UN-Töchter "überall wie Elefanten herumtapsen. Diese Organisationen sind nicht mehr in der Lage zu ahnen, was unten passiert."

So eskaliert ein seit Monaten an verschiedenen Brennpunkten der Welt zwischen Neudeck und den UN geführter Streit. Schon während des Kosovo-Konflikts hatte Neudeck mit einem Seitenhieb auf die UN-Flüchtlingsorganisation von "verwalteten Flüchtlingen" gesprochen. Im Dezember vergangenen Jahres legte er sich mit Unicef an, und berichtete, das UN-Kinderhilfswerk habe Cap Anamur logistische Hilfe bei Impf-Aktionen in dem abgeschiedenen Gebiet versagt. Doch diesmal fällt die Kritik besonders harsch aus: "Der UNHCR hat in Albanien und in Mazedonien die Flüchtlinge verraten", schreibt Neudeck jetzt seinen Spendern. Und verlangt die Auflösung einer "pflichtvergessenen" Organisation, "die nur noch das Elend verwaltet, aber nichts mehr wirklich tut".

20 Jahre ist es her, dass die Cap Anamur über drei Jahre knapp 10 000 Flüchtlinge vor der Küste Vietnams aus dem Wasser holte - der unkonventionelle Einsatz machte Neudeck damals weltweit bekannt. Selten nimmt der heute 61-Jährige politische Rücksichten - und oft wagt er sich in Gegenden, in denen anderen Organisationen der Einsatz zu heikel ist. Nicht immer verlaufen die Aktionen glimpflich: Vor zwei Jahren etwa verstarb in Nordkorea ein von Neudeck entsandter Arzt, ein Epileptiker, der in Deutschland gar nicht mehr operieren durfte. Doch Neudeck verteidigt sein Motto: "Gleich losstarten", möglichst ohne aufwändige Rückfragen bei Regierungen oder Behörden.

Als "charismatisch, spontan, und immer etwas chaotisch" beschreibt die Katholische Nachrichtenagentur den "Gutmensch Neudeck". Nicht selten entscheiden sich die Cap-Anamur-Leute für das Risiko. Im Kosovo hätten Neudeck und sein Fahrer nicht gewusst, wo Minen liegen, und hätten trotzdem Gas gegeben, berichtete der "Spiegel". Mit offenbar hohem Glaubwürdigkeitswert holt Neudeck Spenden, die Verwaltung der Gelder aber läuft nach Beobachtung anderer Hilfsorganisationen ziemlich unprofessionell. "Transparenz ist für Neudeck nur das, was er verlautbart", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, Lutz Worch. Er hat Cap Anamur, anders als großen Organisationen wie der Deutschen Welthungerhilfe und Misereor, kein Spendensiegel erteilt.

"Wer austeilt, muss auch einstecken können", sagen andere über Neudeck. Und der will sich von Kritik nicht entmutigen lassen. "Immer stur" werde er bei der Sache bleiben, versichert er, "ganz nahe bei den Habenichtsen".

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