Politik : Unheiliges Gedenken?

Kritik aus Polen an einer Veranstaltung zum Warschauer Aufstand – weil der Vertriebenenbund mitmischt

Matthias Schlegel

Berlin - Eine Veranstaltung an diesem Montag in Berlin löst Irritationen aus – noch ehe sie begonnen hat. In der Französischen Friedrichstadtkirche wird am Abend an den Warschauer Aufstand vor 60 Jahren erinnert. Dass neben der Bundeszentrale für Politische Bildung auch der Bund der Vertriebenen zu den Ausrichtern gehört, stößt in Polen auf Unverständnis und Empörung. Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski brachte die Kritik in der „Welt am Sonntag“ auf den Punkt: „Wir wollen nicht, dass gerade diese Organisation an dieses Ereignis erinnert“, sagte er. Und: „Der Warschauer Aufstand ist für uns Polen heilig.“

Am 1. August 1944 hatte die der polnischen Exilregierung unterstehende Heimatarmee versucht, Warschau von den Deutschen zu befreien, noch vor der anrückenden Roten Armee. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Hitler machte Warschau dem Erdboden gleich.

Das Gremium, das in der Kirche am Berliner Gendarmenmarkt am Montag des Aufstandes gedenken will, ist sicherlich unverdächtig, dies nicht in der gebührenden Weise zu tun: Neben dem Schriftsteller Ralph Giordano diskutieren der Historiker Bogdan Musial und der frühere bayerische Staatsminister Hans Maier. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, hält ein Grußwort.

Doch die Teilnahme des Vertriebenenbundes – Präsidentin Erika Steinbach eröffnet die Veranstaltung – hält man in Polen für vollkommen unangemessen. Und dies noch aus einem ganz anderen Grund: Polnische Medien vermuten, Steinbach werde das Podium nutzen, um ihr Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ in der deutschen Hauptstadt zu propagieren und voranzutreiben. Seit die Idee für diesen Gedenkort geboren wurde, gibt es in dem östlichen Nachbarland dagegen Proteste. Ein solches Zentrum, das die vertriebenen Deutschen in den Mittelpunkt stelle, verfälsche die Geschichte, weil dadurch die Gräuel der Deutschen relativiert würden, lautet der Hauptvorwurf.

Der SPD-Politiker Peter Glotz kann die Kritik an der Veranstaltung am Montag nicht nachvollziehen. Weder die kroatische, noch die rumänische und auch nicht die polnische Geschichte seien der Privatbesitz des jeweiligen Landes, sagte er dem Tagesspiegel. Wenn die Redner sensibel mit dem Thema umgingen – und dafür bürgten die Namen –, sei gegen eine solche Diskussionsrunde überhaupt nichts einzuwenden. Die Deutschen hätten doch auch nichts dagegen, wenn in Polen etwa des 20. Juli gedacht würde. Und zu dem zweiten Vorwurf: „Ich weiß nicht, wie man mit einer solchen Veranstaltung ein Projekt wie das Zentrum gegen Vertreibungen voranbringen sollte.“ Das werde, so Glotz, der neben Steinbach Vorsitzender der Stiftung für das Zentrum ist, ganz unabhängig von diesem Anlass vorangetrieben. So werde an einer Ausstellung zum Thema Vertreibungen gearbeitet, die bis Anfang 2006 fertig sein soll. Allerdings macht sich Glotz keine Illusionen: „Die Bundesregierung lehnt ein solches Zentrum in Berlin ab, also werden wir es nicht einrichten können. Daran wird sich wohl zumindest bis 2006 nichts ändern.“

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