Unicef-Bericht : Jedes sechste deutsche Kind lebt in Armut

Die soziale Schere in Deutschland klafft weiter auseinander: Jedes sechste Kind wächst laut Unicef in Armut auf. Die Bundesregierung will mit Betreuungsangeboten und mehr Kindergeld gegensteuern.

Berlin Mehr als jedes sechste Kind in Deutschland wächst in einer von Armut bedrohten Familie auf. Ein besonders hohes Armutsrisiko haben Kinder allein erziehender Eltern, in Familien mit ausländischer Herkunft oder aus kinderreichen Familien, sagte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Montag bei der Vorstellung des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland. Mit einer Kombination aus einem nach Kinderzahl gestaffelten Kindergeld, erweitertem Kinderzuschlag und Ausbau der Betreuung für unter Dreijährige will sie die Armut in Familien bekämpfen.

Einer Prognos-Studie für das Bundesfamilienministerium zufolge sind 17,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Armut bedroht. Für Kinder Alleinerziehender beträgt das Armutsrisiko rund 40 Prozent. Das höchste Armutsrisiko haben Kinder und Jugendliche, deren Eltern beide arbeitslos sind oder Hartz-IV-Leistungen beziehen.

Bundesregierung schätzt Armut geringer ein

Deutschland liege bei der Armutsbekämpfung im Vergleich mit anderen EU-Ländern im oberen Drittel, sagte von der Leyen. Angesichts des Konjunkturaufschwungs und der Verbesserung am Arbeitsmarkt sei dies aber nicht genug. Neben der gezielten finanziellen Förderung von Kindern sei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unerlässlich, damit gerade Alleinerziehende arbeiten könnten. "Wenn Eltern Arbeit haben, dann ist das die beste Armutsverhinderung, die ein Staat leisten kann."

Im nationalen Armutsbericht, dessen Entwurf Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) vor einer Woche vorgestellt hatte, war die Kinderarmut niedriger eingeschätzt worden. Demnach ist nur etwa jedes achte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Der Armutsbericht basiert auf einer Datenbasis, die ihn in der EU vergleichbar machen. Die Prognos-Studie nutzt nach Auskunft des Familienministeriums eine breitere Basis, in die auch diese europäischen Daten einfließen. Nach den Worten von der Leyens ist ein Statistik-Streit "absurd". Sie verlangte, nach den Ursachen für Armut zu fragen.

Unicef: Die soziale Kluft zwischen den Familien wächst

In der Ressortabstimmung des Armutsberichts wolle sie das von ihr geforderte gestaffelte Kindergeld in den Fokus stellen. Kinderreichtum werde häufig mit dem Abrutschen in die Armut gleichgesetzt. Ein Drittel aller Armen schaffe nach spätestens zwei Jahren den Sprung aus der Armut, sagte von der Leyen. Es müsse aber auch verhindert werden, dass Familien wegen eines weiteren Kindes Armut riskierten. Einen gesetzlichen Mindestlohn lehnte sie erneut ab. Lohnuntergrenzen seien auf eine Person ausgerichtet und zerstörten Arbeitsplätze.

In dem Unicef-Bericht namhafter Familienforscher heißt es, Deutschland bleibe trotz erheblicher Aufwendungen nur Mittelmaß in der Chancenförderung von Kindern. Die Kluft zwischen abgesicherten Kindern und denen, deren Alltag durch Mangel und Ausgrenzung geprägt sei, wachse. Neben geringen Bildungschancen litten benachteiligte Kinder immer öfter auch an chronischen Krankheiten und Übergewicht.

Die FDP im Bundestag forderte eine Erhöhung des Kindergeldes ab 2009 von derzeit 154 Euro auf zunächst 170 Euro. "Gäbe es kein Kindergeld, würden zirka 1,7 Millionen Kinder zusätzlich unter die Armutsgrenze rutschen", sagte der Vize-Fraktionsvorsitzende, Carl- Ludwig Thiele. Eine Erhöhung müsste aber allen Familien zugute kommen. Der Sozialverband VdK Deutschland forderte, den Hartz IV- Regelsatz für Kinder um mindestens 20 Prozent auf 250 Euro zu erhöhen. (ho/dpa)

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