Unicef : Der Spendenskandal zieht seine Kreise

Das Kinderhilfswerk Unicef geht schlampig mit Spendengeldern um, sagen Wirtschaftsprüfer von KPMG – auch wenn die Organisation das Gegenteil behauptet. Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Was passiert wirklich mit unseren Spendengeldern? -Foto: ddp

BerlinUnicef muss die Wahrheit sagen – das fordert KPMG. Es sei schlicht falsch, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG keine Unregelmäßigkeiten bei Unicef festgestellt hat. Unicef dürfe dies nicht behaupten, zitiert die „Frankfurter Rundschau“ aus einem KMPG-Schreiben.

Unicef hatte Mitte Januar dagegen erklärt, laut KPMG-Prüfung habe es keine finanziellen Unregelmäßigkeiten gegeben. Es sei in der Zusammenfassung „unserer Sonderuntersuchung sehr klar von Verstößen die Rede“, schreibt Dieter John von der Forensic-Abteilung der KPMG. Die dort „aufgeführten Verstöße sind Unregelmäßigkeiten“, so John. „Somit besteht ein Widerspruch zwischen unseren Feststellungen und der Unicef-Presseerklärung.“

Im Interview mit der Zeitung erhebt die am Wochenende als Unicef-Deutschland-Chefin zurückgetretene Heide Simonis (SPD) schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsführung. Der KPMG-Bericht zeige klare „Verstöße gegen Unterschriftenregeln, Vier-Augen-Prinzip und Schriftform von Verträgen“, so Simonis. Dies seien Verstöße gegen Regeln, die „unverzichtbar“ seien, „damit man Abläufe nachvollziehen kann“. „Es gab keine Verträge und somit ist es nicht nachvollziehbar“. Zum Stiftungsvermögen von 89,4 Millionen Euro sagte Simonis: „Das muss stärker kontrolliert werden. Das darf nicht von einem alleine gemacht werden.“

Wie lange noch trägt Unicef ihren Geschäftsführer?

Nun gerät der Geschäftsführer Dietrich Garlichs unter Druck. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln wegen eines Anfangsverdachts der Untreue. Simonis war am Samstag im Streit mit Garlichs um die Aufklärung von Vorwürfen von dem Ehrenamt zurückgetreten, die Organisation habe große Summen für dubiose Beraterverträge und eigenmächtig veranlasste Bauarbeiten ausgegeben. Simonis sprach von “unüberbrückbaren“ Differenzen. Der Vorstand schenkt Garlich weiterhin das Vertrauen.

An der Basis fordern Arbeitsgruppen Garlichs' Rücktritt. Es herrsche „blankes Entsetzen“, sagte Klaus Hoppe von der Arbeitsgruppe Frankfurt dem Blatt. Dass jetzt die um Aufklärung bemühte Vorsitzende gehen müsse, sei „der Gipfel der Verlogenheit“ bei Unicef. „Garlichs muss zurücktreten das wäre der am dringendsten erforderliche Schritt“, so Hoppe. Der Geschäftsführer habe sich „nie mit der moralischen Verantwortung von Unicef identifiziert“.

Der Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, Rupert Neudeck, fordert eine radikale Reform des UN-Kinderhilfswerks. „Ich habe immer gesagt, dass sich die großen UN-Organisationen radikal reformieren und wieder Beziehungen zu den Ärmsten der Armen knüpfen müssen. Das schafft man nicht, indem man höchstbezahlte Funktionäre hat, die in den Hauptstädten der Welt oft mit Diplomatenrechten herumfahren. Das System Unicef muss sich ändern - radikal und möglichst bald. Der Rücktritt von Heide Simonis ist nur die Fortschreibung des chaotischen Zustands bei Unicef. Die Führung weiß offenkundig nicht, wie die Basis denkt“, mahnte Neudeck in der hannoverschen „Neuen Presse“. Unicef sei eine wichtige Organisation, die die Welt unbedingt brauche.

Seit Mitte der 90er Jahre hatte sich die ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Simonis für das Kinderhilfswerk ehrenamtlich engagiert. Anfang 2006 übernahm sie den Vorsitz. Jetzt fiel der Dank von Unicef knapp aus: „Der Vorstand dankt Heide Simonis für ihre Arbeit in den letzten Jahren.“ (ml/AFP/dpa/ddp)

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