Unicef-Skandal : Auch Schweizer Kinderhilfswerk erfüllt Transparenzkriterien nicht

Undurchsichtige Vereinsstrukturen wie bei Unicef Deutschland sind kein Einzelfall. Auch in der Schweiz erfüllt die Organisation derzeit nicht die Kriterien der nationalen Zertifizierungsstelle.

Alexander Glodzinski[Berlin],Jan Dirk Herbermann[Genf]

Das Züricher Institut Zewo verleiht Gütesiegel an gemeinnützige Organisationen, die den „wirtschaftlichen, zweckbestimmten und wirkungsvollen“ Einsatz von Spendengeldern nachweisen können.

Die Jahresrechnung 2006 des Schweizer Komitees war jedoch nicht aussagekräftig genug, um den Standards des Gütesiegels zu entsprechen, teilte das Zewo mit. Aufgrund der Angaben könne kein den „tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens, Finanz- und Ertragslage gemacht werden“. Neben dem Verein bestehe auch eine Stiftung, die zur Unterstützung langfristiger Kinderhilfsprojekte gegründet wurde. Die Verbindung zwischen Verein und Stiftung sei jedoch aus den Zahlen im Jahresbericht nicht ersichtlich.

Nach Angaben des Zewo betrugen die Ausgaben der Schweizer Unicef 6,8 Millionen Schweizer Franken für Fundraising und Werbung, der Gesamtaufwand liege bei 30,4 Millionen. Der Anteil von 22,5 Prozent ist damit weit höher, als bei Organisationen, die das Zewo-Gütesiegel erhalten haben. „Zertifizierte Vereine geben im Durchschnitt acht Prozent ihres Gesamtaufwandes für Fundraising und Werbung aus“, teilte das Institut mit.

Der Jahresbericht von 2007 werde den geforderten Standards entsprechen, sagte Elsbeth Müller, Geschäftsführerin von Unicef Schweiz. „Wir haben ein großes Anliegen transparent zu sein“, sagte sie dem Tagesspiegel. Dies hätte auch zu Veränderungen innerhalb des Schweizer Komitees geführt. Seit drei Jahren werde die Organisation nach Iso-Standards geführt. Unicef Schweiz war das erste nationale Komitee, das diese Praxis einführte.

Wie auch in Deutschland beantragen gemeinnützige Organisationen ein Gütesiegel ausschließlich auf freiwilliger Basis. Ein Schritt, den das Schweizer Komitee bislang nicht wagte. Privatpersonen hatten bei Zewo nach dem Verbleib ihrer Spenden gefragt, woraufhin das Institut die Zahlen von Unicef anforderte. Derartige Gütesiegel sind für den Göttinger Spendenforscher Lothar Schruff nur bedingt sinnvoll. Es sei kaum möglich die Qualität der Organisationen mit einem einheitlichen Siegel zu erfassen. Eine Möglichkeit zu mehr Transparenz sieht er im offenen Wettbewerb. „Das einzige Kapital von Spendenorganisationen ist Vertrauen“, sagte er dem Tagesspiegel. Vertrauen könne man nicht mit gesetzlichen Regeln schaffen, wohl aber mit größtmöglicher Transparenz in der Konkurrenz um Spendengelder erreichen.

Die Europazentrale des Kinderhilfswerks hat unterdessen das Transparenzversprechen von Unicef Deutschland gelobt. „Es ist positiv zu bewerten, dass das nationale Komitee in Deutschland transparenter mit den Geldern umgehen will“, sagte Unicef-Sprecherin Véronique Taveau dem Tagesspiegel. Sie betonte die rechtliche Eigenständigkeit von Unicef Deutschland. „Die Deutschen müssen jetzt auch etwas tun“, sagte sie. Auf die Frage, ob das neue Sechs-Punkte-Programm des nationalen Komitees ausreiche, um Fehlverhalten auszuschließen, wollte Taveau sich nicht festlegen. Am Mittwoch hatte das nationale Komitee versprochen, die Geschäftsberichte transparenter zu gestalten und die Geschäftsführung besser kontrollieren zu lassen. Allerdings gab Taveau zu, dass der Skandal um Unicef Deutschland auch das Image von Unicef weltweit schädigen könnte.

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