Unicef : Spendenzuwachs – Vertrauensschwund

Der Unicef-Vorstand und seine zurückgetretene Vorsitzende Heide Simonis müssen sich mit den Korruptionsvorwürfen herumschlagen. Beide Seiten wollten für das gewachsene Hilfswerk mehr Transparenz erreichen, doch die Atmosphäre ist vergiftet.

Jürgen Zurheide[Köln]
Heide Simonis
Heide Simonis. -Foto: ddp

Am Tag danach sind die Vorstände entsetzt. Nach der raschen Demission von Heide Simonis am Samstag hatten die Verantwortlichen bei Unicef gehofft, es würde Ruhe einkehren. Ein Blick in die Nachrichten zeigte aber, dass eher das Gegenteil geschehen war: „Der Vorstand in seiner jetzigen Zusammensetzung will sich diesen Aufgaben ganz offensichtlich nicht stellen“, erklärte die frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Stunden nach ihrem Amtsverzicht und erweckte den Eindruck, dass sie im Gesamtvorstand mit dem Wunsch nach mehr Transparenz gescheitert und deshalb zurückgetreten sei. „Das entspricht nicht dem Verlauf der Sitzung“, antwortet darauf einer, der die Vorgänge rings um die Vorstandssitzung in Frankfurt genau kennt. Mit weiteren Details hält er sich zurück, weil die Atmosphäre so vergiftet ist, dass jedes weitere Wort in erster Linie dem Ansehen des Kinderhilfswerks schadet.

Damit geht der Streit bei Unicef, der mit einem anonymen Mitarbeiter-Schreiben begonnen hatte, in eine weitere Runde. In den vergangenen Wochen waren immer neue Details über Unregelmäßigkeiten öffentlich geworden. Mal wurde bekannt, dass ein pensionierter Mitarbeiter als Honorarkraft in knapp drei Jahren die stattliche Summe von 270 000 Euro verdient hat. Dann waren Berichte aufgetaucht, ein anderer Berater habe sechs Prozent von einer großzügigen Spende der Lidl-Kette kassiert. Heide Simonis hatte in allen Fällen immer auf Dietrich Garlichs gezeigt, den langjährigen Geschäftsführer der Organisation, und ihn sogar aufgefordert, das Amt ruhen zu lassen.

Im Unicef-Vorstand hatte mancher den Eindruck, die Ex-Politikerin betreibe hier auf eigene Rechnung Personalpolitik. Garlichs genießt im Vorstand hohes Ansehen, was auch damit zu tun hat, dass er wesentlichen Anteil an einer Professionalisierung des Kinderhilfswerkes hat. Immerhin ist in seiner Amtszeit das Spendenaufkommen von zehn auf 100 Millionen pro Jahr angewachsen; im Tsunami-Spendenjahr 2005 freute man sich sogar über 200 Spendenmillionen. Möglicherweise wurde das Geschäftsgebaren der Hilfsorganisation diesem Wachstum nicht gerecht – auch wenn juristisch bislang keine Probleme aufgedeckt werden konnten.

Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG und eine darauf folgende Entlastung Garlichs durch den Vorstand konnte dessen Konflikt mit Simonis kaum entlasten. Die Experten hatten die Fälle angeblicher Verschwendung untersucht und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass alle Ausgaben „nachvollziehbar“ waren, es habe „Gegenleistungen“ gegeben und sie hatten keine Anzeichen für „persönliche Bereicherung“ gefunden. Sie monierten aber die unzureichende Dokumentation mancher Vorgänge. Aus diesem Grund ermittelt auch die Kölner Staatsanwaltschaft gegen Garlichs, Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Obwohl Simonis und Garlichs dem Vorstand versprochen hatten, wieder einträchtig zusammenzuarbeiten, gab es Hinweise darauf, dass die Sozialdemokratin hinter den Kulissen weiter mächtig gegen den Geschäftsführer geschossen hatte. Als man ihr das im Vorstand am Sonnabend deutlich machte, legte sie ihr Amt nieder. Dass sie anschließend davon sprach, „dass der Vorstand offenbar keine Transparenz“ herzustellen beabsichtige, korrigierte dieser, als sie gegangen war: Das verloren gegangene Vertrauen in der Öffentlichkeit wiederherzustellen ist jetzt die Aufgabe von Reinhard Schlagintweit, der als Vorgänger von Frau Simonis nun auch erst einmal ihre Nachfolge angetreten hat: „Unicef ist stark gewachsen und es ist berechtigt zu schauen, ob man dem ausreichend Rechnung getragen hat“, sagte er dem Tagesspiegel.

Heide Simonis hat unterdessen einen weiteren nicht ganz freiwilligen Rücktritt in ihrem Lebenslauf zu verkraften. Besondere Spuren scheint das vorerst nicht zu hinterlassen. Sie ließ erklären, dass sie eine neue Aufgabe im ehrenamtlichen Bereich zu übernehmen gedenke.

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