Politik : UNICEF: Überlebensfrage Bildung

Tissy Bruns

Wer einen Dollar investiert, erhält in kurzer Frist sieben Dollar zurück, weiß Unicef. Aber das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen weiß auch: Dieser eine in ein Kind investierte Dollar, der sich so schnell auszahlen könnte, wird viel zu oft nicht ausgegeben. Denn viele Eltern und Staaten sind zu arm für diesen Dollar. Und die privaten Investoren, die das Geld hätten, wären nicht direkte Nutznießer und sind darum nicht interessiert.

Die ersten drei Lebensjahre eines Menschen hat Unicef in den Mittelpunkt seines "Berichts zur Situation der Kinder in der Welt 2001" gestellt, der am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist. Urban Jonsson, Unicef-Regionaldirektor für Ost- und Südafrika und zuvor in Südostasien, nennt diese Lebensphase die mit den größten Risiken und Chancen. Denn der Mensch, der hilflos mit großem Kopf und kleinem Körper geboren wird, entwickelt sich in dieser Zeit explosiv. Die 100 Milliarden Gehirnzellen, die jedes Neugeborene mit auf die Welt bringt, müssen sich nun verknüpfen und entwickeln. "Ein kreatives Feuerwerk", sagt der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Reinhard Schlaintweit. Was in dieser Zeit geschieht, nutzt oder schadet unwiderruflich. Für viele Kinder ist es immer noch die Zeit, die über Leben und Tod entscheidet.

Unicef kann auf Erfolge verweisen bei der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, bei der Ausrottung und Zurückdrängung von Infektionskrankheiten. Doch ein Großteil der jährlich 130 Millionen Neugeborenen hat nach wie vor keinen guten Start ins Leben. Jedes Jahr sterben elf Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, Tag für Tag 30 000. Armut, Gewalt, Epidemien nennt Unicef als wichtigste Gründe für die hohe Kindersterblichkeit. Investitionen in die frühkindliche Entwicklung und die Stellung der Mütter sind die wichtigsten Hebel zu ihrer Bekämpfung und zum Ausstieg aus dem Teufelskreis, der Armut, Gewalt und Krankheit von einer zur nächsten Generation weitergibt. Fast ein Fünftel aller Todesfälle ergeben sich aus den Risiken bei Schwangerschaft und Geburt. Eine der wichtigsten Erklärungen dafür: Die Mütter sind zu jung. Mehr als zehn Prozent der jährlichen Geburten entfallen auf Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Alle Erfahrung von Unicef lehrt, dass Schulbesuch und Bildung der Mädchen das Heirats- und Mutterschaftsalter und damit die Chancen der Kinder erhöhen. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie eng der Zyklus von Armut und Kindersterblichkeit mit der Stellung der Mädchen und Frauen verknüpft ist.

Das zweite große Überlebensrisiko für Kinder sind Unter- und Mangelernährung, die sehr häufig bei der schlechten Ernährung der Schwangeren beginnt: 24 Millionen Kinder kommen mit Mangelerscheinungen zur Welt. Weltweit sind 170 Millionen Kinder mangelernährt. Unzureichende Nahrung in den ersten Lebensjahren erhöht wiederum das Risiko dauerhafter Entwicklungsdefizite und die Anfälligkeit für Krankheiten, die eigentlich harmlos verlaufen könnten: Atemwegserkrankungen, Durchfall, Masern, Diphterie und Keuchhusten verursachen auch heute noch immer den Tod vieler Kleinkinder.

Mädchen mit Schulbildung, Schwangere, die nicht zu jung sind und betreut werden, Mütter, die wissen, wie sie ihre Kinder am besten ernähren, pflegen, impfen: Unicef kann auf Entwicklungsprojekte verweisen, bei denen die Säuglingssterblichkeit unter solchen Bedingungen bis zu 60 Prozent sinkt. Die große Sorge von Unicef bleibt die Ausbreitung von Aids. 4,3 Millionen Kinder sind der Epidemie bisher zum Opfer gefallen. Südlich der Sahara ist die Kindersterblichkeit infolge der HIV-Infektionen sogar wieder angestiegen, in Sambia und Kenia liegt sie deutlich über dem Niveau von 1981. Die meisten Kinder stecken sich während der Schwangerschaft oder Geburt bei ihren Müttern an - was reduziert werden könnte, wenn Medikamente wie AZT oder Nevirapine in diesen Ländern zur Verfügung stünden. Aids ist eine Zivilisationskatastrophe: Südlich der Sahara leben 13 Millionen Waisenkinder. Die Krankheit zerstört Familien und Clans, letztlich die Sozialstruktur, in der Kinder traditionell gut aufgehoben waren. "Noch", sagt Urban Jonsson, ist diese Art der Ausbreitung von Aids auf das südliche Afrika konzentriert.

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