Politik : Unikliniken: Schwerstkranke sind gefährdet

Verband beklagt dramatische Zustände durch Ärztestreiks / Mediziner wollen Lothar Späth als Vermittler

Rainer Woratschka

Berlin - Sie sind nicht wirklich laut geworden, wollten ihren Auftritt aber als „Aufschrei“ verstanden wissen. Die Streiks der Klinikärzte, so warnten die Vorsitzenden des Verbands der Universitätsklinika (VUD) in Berlin, brächten nun „echte Gefährdungen“ für Patienten. Bislang habe man verschobene Operation nachholen können. Jetzt – seit der Ausweitung der Streiks auf ganze Wochen, sei das nicht mehr möglich. VUD-Chef Rüdiger Strehl: „Wir steuern in eine eminente Versorgungslücke bei den Schwerstkranken.“

Seit März kämpfen die Ärzte an Unikliniken und Landeskrankenhäusern mit Arbeitsniederlegungen für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter. „Wir sind stolz auf neun Wochen erfolgreiche Ärztestreiks, bei denen wir den Spagat zwischen Arbeitskampf und Verantwortung für unsere Patienten sehr gut hinbekommen haben“, bilanzierte Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Marburger Bundes (MB) . Bislang sei kein einziger Patient zu Schaden gekommen.

Tatsächlich herrschten „dramatische Zustände“, klagte Jörg Rüdiger Siewert, VUD-Vize und Ärztlicher Direktor an den Münchner Uni-Kliniken. Erstmals komme es „zur Verschiebung vital notwendiger Operationen“. Mit schlimmen Folgen etwa für Krebskranke. Würden sie nach einer Chemotherapie nicht gleich operiert, sei eine „deutliche Verschlechterung der Prognose zu erwarten“. Sprich: Ihre Lebens- und Überlebenserwartung sinkt.

Angesichts dieser Entwicklung müssten Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) und Marburger Bund dringend wieder an den Verhandlungstisch, appellierte der Verband – und präsentierte einen Vermittlungsvorschlag. Statt nach drei Jahren sollten junge Klinikärzte künftig schon nach zwei Jahren in die nächste Besoldungsstufe wechseln. Dies bedeute im Schnitt ein Gehaltsplus von zwei Prozent und liege genau in der Mitte zwischen dem vom MB akzeptierten, aber von der TdL dann wieder zurückgezogenen „Münchner Kompromiss“ und dem vom MB abgelehnten jüngsten TdL-Angebot. Mit Zulagen für gestrichenes Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie dem Ausgleich von Mehrarbeit kämen die Ärzte so auf ein Plus von 18,6 Prozent. Gefordert hatten sie 30.

Ihr Verband signalisierte nun beides: Friedenswillen und Kampfbereitschaft. NächsteWoche würden die Streiks wahrscheinlich ausgesetzt. Gebe es dann aber keine Einigung, folge erstmals ein zweiwöchiger Ausstand. Montgomerys Angebot, einen Schlichter einzubeziehen, schlugen die Arbeitgeber aus. Der MB-Chef hatte dafür den früheren baden- württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU) ins Gespräch gebracht.

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