Unionsklausur in Potsdam : Merkel und Seehofer versöhnen sich

Harmonie zwischen CDU und CSU. In Potsdam wurde am Samstag Wille zur Amnesie bewiesen. Doch grundsätzliche Fragen sind offen geblieben. Ein Kommentar

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Angela Merkel und Horst Seehofer am Samstag in Potsdam.
Angela Merkel und Horst Seehofer am Samstag in Potsdam.Foto: dpa

Ob Angela Merkel und Horst Seehofer ihren Tucholsky kennen, weiß man nicht. Aber die zentrale historische Erkenntnis des Schriftstellers beherzigen sie jedenfalls: Die großen Konflikte der Weltgeschichte sind allesamt nicht entschieden, sondern irgendwann einfach vergessen worden. Bei kleinen, kleinlichen Konflikten geht das ganz schnell: „Begrenzen“ oder „reduzieren“? Bei der Unionsklausur am Freitag und Samstag in Potsdam sind nicht mal mehr die Begriffe gefallen, auf die CSU und CDU ihren Streit über die Flüchtlingspolitik gebracht hatten.

Dieser Wille zur Amnesie ist, einerseits, vernünftig – die Welt und die Union haben schon wieder ganz andere Sorgen. Aber es steckt auch etwas Verlogenes darin. Denn hinter dem Konflikt um Obergrenzen, Zäune und Verfassungsklagen lauert eine viel weitreichendere Frage: Wie wollen Deutschlands führende Volksparteien mit der Tatsache der globalisierten Welt umgehen?

Sehnsucht nach dem Biedermeier

Betrachtet man den Streit derart grundsätzlich, zeigt sich rasch, dass weder Merkel noch Seehofer darauf umfassend tragfähige Antworten hatten. Merkels Haltung, die Dinge – und die Flüchtlinge – so zu nehmen, wie sie kommen, ihr „Wir schaffen das“-Optimismus hat viele Menschen schlicht überfordert. Seehofers Versuch, die Globalisierung auch der Probleme und des Elends am Grenzübergang Kiefersfelden abzuhalten, war dem Gefühlsleben vieler Einheimischer nahe, aber dem Problem nicht angemessen.

"Laptop und Lederhose" war einmal

Man könnte das nun getrost nebeneinander stehen lassen, ginge es nur um Vergangenheit. Aber spätestens seit „Brexit“ sollte allen klar geworden sein, welche Sprengkraft in der Haltung zur Außenwelt steckt. Da ist eine Sehnsucht nach Biedermeier deutlich geworden, danach, von den Zumutungen der Welt verschont zu werden, die hierzulande so selten auch nicht ist.

Wie man diese Sehnsucht aufnimmt – deren negatives Gegenstück ja die Angst ist –, ohne selbst ins Biedermeier zu fallen, darauf haben CDU und CSU keine Antwort. Das Gewohnte und die Moderne, Heimat und Europa – die alte CSU-Formel von „Laptop und Lederhose“ war mal ein Ansatz, Widersprüche zu verbinden. Aber Laptops sind heute auch schon wieder bloß der Elektroschrott von gestern.

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