Politik : UNO: Schritt aus der Isolation

Hans Folz

Als einziges Land der Welt feierte die Schweiz im Jahr 1989 den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Nicht, dass man die deutsche Aggression 50 Jahre später beklatschen wollte - die Eidgenossen brüsteten sich mit der raschen Mobilisierung ihrer Truppe. Solch bizarr anmutenden Ideen gedeihen gut in der Isolation. Markiert der kommende Beitritt Helvetiens zu den Vereinten Nationen jetzt das Ende dieses außenpolitischen Zustands?

Die Mitgliedschaft ist in jedem Fall ein großer Schritt für das kleine Land. Immerhin aber gehört die Schweiz rund 100 internationalen Organisationen an - vom Weltpostverein bis zur Welthandelsorganisation. Und nicht immer standen die Eidgenossen der Welt ablehnend gegenüber. Nach dem Ersten Weltkrieg sagte eine deutliche Mehrheit der Wähler - damals waren es nur Männer - Ja zum Völkerbund, der Vorgängerorganisation der UN. Dieser erste institutionalisierte Versuch einer Völkerverständigung bezog sein Quartier in der Schweiz, in Genf. Die Stadt am Lac Leman hatte als Sitz des Roten Kreuzes schon internationales Profil gewonnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sich die Verantwortlichen in Bern jedoch nicht den neugegründeten UN anschließen. In den Hauptstädten der Siegermächte war das formal neutrale Land allerdings auch nicht gut gelitten. Zu offensichtlich hatten die Eidgenossen sich in den Dienst der Nationalsozialisten begeben: als Rüstungsgüterlieferant, als Finanzier, aber auch als Erfüllungsgehilfe, indem Tausende von Juden an den schweizerischen Grenzen abgewiesen wurden.

Erst 1986 stimmten das Volk und die Kantone erstmals über einen Beitritt zu den Vereinten Nationen ab. Das Resultat war für alle UN-Befürworter niederschmetternd. Drei von vier Stimmberechtigten - jetzt auch Frauen - sagten Nein. Auch alle Kantone verweigerten den Beitritt - vom erzkonservativen Uri bis hin zu Genf, dem Sitz des europäischen Hauptquartiers der Vereinten Nationen.

Mit Europa hat das Land ebenfalls seine Mühe. Nur schwerfällig nähern sich die Eidgenossen der Europäischen Union an, bislang regeln lediglich die so genannten bilateralen Verträge das Neben- und Miteinander. Zur Zeit verhandeln Bern und Brüssel über eine weitere Kooperation. Eine Mitgliedschaft der wirtschaftlichen Macht Schweiz in der Union dürfte allerdings für das erste Jahrzehnt des Jahrhunderts völlig ausgeschlossen sein. Denn das "Ticket nach Brüssel" würde für die Eidgenossen richtig teuer: Rund fünf Milliarden Franken pro Jahr. Den UN-Beitritt gibt es hingegen zum Spartarif: Rund 60 Millionen Franken pro Jahr.

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