Politik : Unruhen in Ankara: "Türkei, öffne die Augen"

Thomas Seibert

Es ist kein Wunder, dass sich Bülent Ecevit in diesen Tagen an die schwersten Zeiten seiner vier Jahrzehnte langen politischen Karriere erinnert. Der 75-jährige türkische Regierungschef sagte am Mittwoch vor der Parlamentsfraktion seiner Demokratischen Linkspartei in Ankara, er sei schon von so manchem Amt zurückgetreten - "aber immer aus freiem Willen". Dem Druck der Straße werde er sich auch diesmal nicht beugen. "Ich bleibe im Amt", sagte der Premier, dem von immer mehr Menschen in der Türkei vorgeworfen wird, die derzeitige schwere Wirtschaftskrise zuerst ausgelöst und dann die daraus erwachsenen Probleme nicht gelöst zu haben.

Während Ecevit in der Fraktion sprach, gingen tausende von Demonstranten auf dem Tandogan-Platz in der türkischen Hauptstadt auf die Polizei los: Kaufleute und Handwerker, die sehr unter der Wirtschaftskrise zu leiden haben, prügelten sich mit der Polizei, bewarfen die Beamten mit Steinen und Stöcken und griffen sogar Journalisten an. "Türkei, öffne die Augen", hieß es.

Allein in Ankara versammelten sich 70 000 Demonstranten, um den Rücktritt Ecevits und seiner Regierung zu fordern. In einigen Vierteln der Hauptstadt blieben die Läden geschlossen. Auf dem Tandogan-Platz versuchten tausende Demonstranten, den Polizeikordon zu durchbrechen und zum Parlament zu marschieren - die Polizei setzte Schlagstöcke, Wasserwerfer, gepanzerte Fahrzeuge und Tränengas ein, um das zu verhindern. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Großdemonstrationen gab es auch in Izmir im Westen der Türkei und in Mersin im Süden. Insgesamt dürften am Mittwoch in der Türkei fast 200 000 Demonstranten auf den Beinen gewesen sein.

Ecevit versuchte, die Kundgebungsteilnehmer mit dem Hinweis zu beschwichtigen, jeder habe das Recht, den Rücktritt der Regierung zu fordern. Doch der Premier, der in den 70er Jahren als Hoffnungsträger der kleinen Leute in der Türkei galt, hat nur noch beschränkten Einfluss auf die Menschen. Seine Trumpfkarte bei der Beantwortung der Rücktrittsforderungen ist die Frage: Wer soll denn sonst regieren? Zwar ist im Parlament tatsächlich keine Alternative zur derzeitigen Koalition denkbar, doch zur Begründung eines Machtanspruchs wirkt der Hinweis recht mager und hilflos.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben