Unruhen in Iran : Vernetzt auf Teherans Straßen

Journalisten können in Iran nicht frei berichten, die Nachrichten werden zensiert. Im Internet dokumentieren junge Iraner den Kampf der Opposition gegen das Regime.

Hauke Friederichs

In Teheran brodelt es. Zu Tausenden gehen die Anhänger der iranischen Opposition auf die Straße, sie trotzen den Schlagstöcken der Polizisten und Milizionäre. Nachts versammeln sie sich auf den Dächern der Teheraner Hochhäuser und brüllen ihren Frust über das offensichtlich manipulierte Wahlergebnis hinunter in die Straßenschluchten.

Es ist eine junge Protestbewegung, und ebenso sind es ihre Mittel der Kommunikation. Mit Handykameras und Camcordern filmen sie Protestaktionen und veröffentlichen die Aufnahmen in Internet-Videoportalen wie YouTube, wo die Filme eine rasend schnelle Verbreitung finden.

Schon im Wahlkampf spielte das Internet für die Anhänger von Herausforderer Mir Hussein Mussawi die Hauptrolle. Jetzt schafft es eine Gegenöffentlichkeit zu den staatlichen Medien, nach deren Rhetorik, die Proteste von feindlichen Staaten initiiert worden seien. Der Reformpolitiker und Herausforderer von Präsident Mahmud Ahmadineschad, Mir Hussein Mussawi, darf nicht im Fernsehen auftreten, doch seine Anhänger unterwandern die Zensur im Internet.

Auf den Internetportalen Flickr und Twitter zeigen Teheraner Fotos von den Demonstrationen und den Einsätzen der Polizei – Bilder die es nach dem Willen des Regimes gar nicht geben dürfte. Zu sehen sind Sicherheitskräfte, die mit Eisenstangen auf Frauen einprügeln, blutende Demonstranten und verwüstete Wohnungen von Anhängern der Reformpolitiker. Einige Fotos zeigen aber auch, wie Polizisten von wütenden Protestanten verprügelt oder durch die Straßen gejagt werden. Das Mullah-Regime schien am Wochenende immer wieder die Kontrolle über einige Straßen in der iranischen Hauptstadt verloren zu haben.

Allerdings mussten die zumeist jungen Demonstranten auch Rückschläge hinnehmen: Am Wochenende blockierten die Behörden einige Internetseiten, unter anderem das Social-Network Facebook. Das Netzwerk nutzten Anhänger Mussawis, um Demonstrationen und Protestaktionen zu organisieren. In der Gruppe "Where' s my vote" (Wo ist meine Wahlstimme abgeblieben?) tauschen mehr als 17.000 Mitglieder Nachrichten über die Ereignisse nach der Wahl aus. Der Versuch des Regimes, die Opposition mit Netzsperren lahm zu legen, scheiterte allerdings. Die Studenten und andere junge Leute wichen im Internet auf andere Foren aus. Auch die zeitweilige Abschaltung des Mobilfunknetzes half der Polizei nicht, die Kontrolle über die Straßen zurückzugewinnen.

Über Blogs wie Tehranlive und Tehran Bureau berichten Augenzeugen von den Vorgängen in den Straßen. Die Macher von Tehranlive schreiben, dass ihre Seite in Iran gesperrt wurde. Doch über Nachrichtendienste wie Twitter kommunizieren sie weiter. Auch die Homepage Tehran Bureau, die von US-Journalisten und Medien unterstützt wird, präsentiert Videos aus Iran und übersetzt Berichte auf Farsi ins Englische.

Auf Twitter schreiben junge Iraner wie Yashar über die Zustände in Teheran. Sie verlinken auf weitere Seiten von den Anhängern der Reformkandidaten und sammeln Informationen über Übergriffe der Polizei. Yashar schreibt am Montagmittag, dass die Unterstützer Mussawis trotz Verbot an einer großen Demonstration teilnehmen wollen. Ein weiterer Twitter-Nutzer notiertam Montagmorgen. “Ich habe gerade gehört, dass die Uni wieder belagert wird und dass Studenten Barrikaden bauen.“

Die Berichte von Augenzeugen im Internet stellen eine Öffentlichkeit her, die professionelle Journalisten zurzeit kaum bieten können. Das iranische Innenministerium hat den arabischen TV-Sender Al-Arabija angewiesen, sein Büro in Teheran für eine Woche zu schließen. Der iranische Dienst der britischen BBC wurde unterbrochen, und die Arbeit ausländischer Reporter massiv behindert. Gegen den ZDF-Korrespondenten Halim Hosny wurde ein Arbeitsverbot verhängt.

Auch der ARD-Korrespondent Peter Mezger durfte sein Hotel nicht verlassen und konnte für die Tagesthemen nur per Video-Handy berichten, da auch die Satellitenübertragung immer wieder gestört wird. Am Sonntag seien Bewaffnete in sein Büro gekommen, berichtete Mezger. Sie hätten die Mitarbeiter ausgefragt und einen Techniker mitgenommen. Über dessen Verbleib wisse man nichts.

Die Chefredakteure von ARD und ZDF, Thomas Baumann und Nikolaus Brender, haben sich beim iranischen Botschafter in Deutschland gegen die Einschränkungen der Berichterstattung beschwert. "Es ist nicht hinzunehmen, dass westlichen Journalisten, auch deutschen, nicht erlaubt wird, ihre Hotelzimmer zu verlassen und von ihrem Recht auf Berichterstattung Gebrauch zu machen", sagte auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Internet-Gemeinde liefert währenddessen weitere Nachrichten. Die Ankündigung des Wächterrats, das Auszählen der Stimmen zu überprüfen, hat bislang für keine Beruhigung der Opposition gesorgt.

ZEIT ONLINE

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben