Politik : Uns fürchtet keiner mehr

DEUTSCHLANDS ZUKUNFT

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Von Moritz Schuller

An der Merkwürdigkeit hat sich nichts geändert: Deutschland steckt in der Krise, und ein Bundestagsabgeordneter hält in der hessischen Provinz Vorträge über die Juden und die russische Revolution. Hat der Mann sonst keine Sorgen?

Lange beschäftigte uns in Deutschland nichts so sehr wie die eigene Vergangenheit, die NS-Zeit. Wir hatten in der Tat keine größere Sorge. Bewältigen wollten wir sie, einordnen, vergleichen, die Opfer bitten, sich mit uns zu versöhnen. Es war das Projekt einer ganzen Generation: das Land umzudrehen, nicht von unten nach oben, wie sie klassenkämpferisch gemeint hatte, sondern von vorne nach hinten. Die Folge war der Blick zurück. Das Unbehagen, ein Deutscher zu sein, das auch für die Zukunft damit einherging, nahm man billigend in Kauf.

Inzwischen ist die Mauer gefallen und vieles, was lange Tabu war, ist heute in aller Munde: die britischen Brandbomben auf Dresden, der Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“, der Deutsche als Opfer, der Deutsche als Held von Bern. Von Revanchismus ist keine Rede, denn so ist die Geschichte: Je weiter sie zurückliegt, desto vielschichtiger präsentiert sie sich.

Unsere Selbstwahrnehmung ist pragmatischer geworden, banaler, ökonomischer und, auch das, weniger moralisch: weg vom historischen 1933 mit seinem Schrecken, in die Zukunft hinein, ins fiktive 2010. Auch heute, verkündet ein Kanzler, der sich als Historiker bisher keinen besonderen Namen gemacht hat, haben wir große Sorgen. Und er meint damit das Geld. Sein Vorgänger hätte von Identität geredet, vom Mantel der Geschichte – und weiter Schulden gemacht.

Auch von außen wird anders auf Deutschland geblickt. Die deutschen Fußballer werden in der britischen „Sun“ nicht mehr mit Nazitrikots abgebildet: Wen man auf eigenem Boden mit 5:1 besiegt, der macht einem keine Angst. Die D-Mark ist verschwunden, dafür darf Gerhard Schröder in diesem Jahr zum D-Day anreisen. Helmut Kohl, der noch über die Gräber von Bitburg wanderte, war beim letzten Jubiläum vor zehn Jahren nicht eingeladen. Selbst in der „New York Times“ spielen Martin Hohmann und seine Rede keine große Rolle.

Im Ausland wird eben wahrgenommen, dass ein Volk, das einst die Welt bedrohte, heute nicht einmal mehr bis zur Maut kommt. Deutschland ist heruntergewirtschaftet. Aber die Krise hat absurderweise eine angenehme Nebenwirkung: Dem Patienten von Europa setzt niemand mehr den Stahlhelm auf. Instrumentalisieren lässt sich die deutsche Vergangenheit nur noch schwer.

Die Folge ist das Ende einer Obsession. Fast 60 Jahre nach dem Ende des Hitlerreichs können wir selbst entscheiden, wie wir mit einer Vergangenheit, zu der uns bald die biografische Bindung verloren geht, in der Zukunft umgehen wollen. Hitler ist uns als moralische Last, als Vorwurf, als Schuld, als Trauma vertraut. Das wird sich nie ändern. Doch Hitler als identitätsstiftendes Moment für das historische Selbst- und Fremdverständnis der Deutschen hat anscheinend ausgedient.

Die folgenden Generationen werden zur eigenen Geschichte einen neuen Bezug finden müssen. Der sich noch aus den letzten bösen Deutschen Hollywoods zusammensetzt, aus dem noch immer nicht gebauten Mahnmal, dem umkämpften Vertreibungszentrum, auch aus Möllemanns Flugblättern und einer ehemaligen Justizministerin, die von „Adolf Nazi“ brabbelt – und zugleich aus den Erwartungen einer auf die Zukunft ausgerichteten Gesellschaft.

Normalisiert sich der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit also tatsächlich? Zumindest eines geschieht inzwischen: So wie wir sie bisher verstanden haben, beginnt sie uns ein Stück weit zu entgleiten. Das ist eine Erleichterung – und eine Verpflichtung.

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