Politik : Unschuldige Zeugen: Die Schuld der Opfer

Hannes Schwenger

"Unschuldige Zeugen" nennt die amerikanische Psychologin Emmy E. Werner die Generation der Kriegskinder, der sie selbst angehört: In Deutschland während des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen, mit Anfang Zwanzig nach Amerika ausgewandert, lehrt sie heute an der Universität von Kalifornien. Die Zeugen, die sie in ihrem Sammelwerk aus Briefen, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen als die "wahren Opfer" des großen Kriegs ausruft, geben dieser Etikettierung nur bedingt Recht. Ihre Eltern und erwachsenen Verwandten waren schließlich nicht weniger Opfer und zumeist ebenso unschuldig wie ihre überlebenden Kinder. Viele von ihnen haben alles für ihre Kinder geopfert, andere glaubten es zu tun. Gab es wahre und falsche Opfer? Wenn Hitler fanatische Jugendliche und widerwillige Greise mit dem "Volkssturm" in die letzte Schlacht schickte - wer waren da die unschuldigen Zeugen? Wo endet die vermeintliche Unschuld der Kindheit, wenn die New York Times im September 1945 von amerikanischen Müttern berichtet, die voller Neugier beobachten, was ihre Sprösslinge statt der gewohnten Kriegsspiele jetzt so im Frieden trieben: Sie fanden die Kinder dabei, "eine seltsame Apparatur aus Blechdosen und Blitzlichtbirnen" zu konstruieren. Als sie sich nach dem Zweck erkundigten, erklärten die Jungen, sie bauten eine Atombombe! Sind diese Söhne als Erwachsene schuldig oder unschuldig in den Vietnamkrieg gezogen? Wie lange müssen die wahren Opfer unter der Erde liegen, bis die unschuldigen Zeugen die Schuld der anderen vergeben können? Die unschuldige Frage muss erlaubt sein.

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