Politik : "Unser Gesundheitssystem wird von allen Bürgern getragen"

Andreas Hoffmann

Ganz erklären kann Gisela Stuart das Phänomen nicht. Die Staatssekretärin im britischen Gesundheitswesen greift in solchen Momenten zu Wörtern, wie "Gerechtigkeit" und "kollektiver Verbundenheit" oder spricht von der "Verwurzelung im britischen Gemüt". "Wissen Sie", sagt die Frau mit den beharrlichen Augen und stochert in einem Berliner Restaurant in ihrer Blätterteigrolle. "Als Deutscher können sie den NHS vermutlich gar nicht richtig verstehen."

NHS - die drei Buchstaben stehen für den "National Health Service". Glaubt man den Schlagzeilen, ist das britische Gesundheitswesen aber eher ein Fegefeuer, das die Patienten nur mühsam überleben. Senioren erhalten ab einem gewissen Alter kaum noch künstliche Hüftgelenke, auf Termine bei Fachärzten warten Patienten oft Monate, auf eine Operation zuweilen Jahre. Mancher, der auf einen Bypass für sein schwaches Herz hofft, stirbt, bevor der Chirurg zum Skalpell greift. Als im vergangenen Winter eine Grippewelle über die Inselrepublik rollte, waren an manchen Tagen in den Intensivstationen im ganzen Land nur noch 16 Betten frei.

Gisela Stuart kennt die Vorwürfe. Sie kramt in solchen Momenten die Statistiken hervor; dort steht dann etwa, dass Männer und Frauen auf der Insel länger leben als in Deutschland oder in den USA. Britische Männer werden statistisch 74,5 Jahre alt, Deutsche 73,2 und US-Amerikaner 73. Bei Frauen ist es ähnlich. Britinnen leben 79,8 Jahre, Deutsche 79,7 und US-Frauen 79. Selbst bei den Geburten schneidet Großbritannien ganz gut ab. Die Kindersterblichkeit liegt mit 6,2 Toten auf 1000 Lebendgeburten zwischen Deutschland (5,6) und den USA (7,2). Dazu benötigen die Briten viel weniger Geld. Vor zwei Jahren gaben sie pro Kopf 2700 Mark für ihre Gesundheit aus, die Deutschen 4900 und die US-Bürger sogar 7500 Mark. Trotz allen Ärgers über Wartezeiten - nur etwa jeder siebte Brite will laut einer Umfrage den NHS abschaffen. Drei Prozent der Briten sagten danach, dass ihnen aus finanziellen Gründen eine Therapie verweigert worden sei. Anders in den USA, wo die meisten privat versichert sind. Dort klagte jeder zweite darüber, dass er sich manche medizinische Behandlung nicht leisten konnte. "Unser System lebt von der Gerechtigkeit für alle. Das tragen alle Bürger mit", sagt Stuart. "Nicht einmal Margaret Thatcher traute sich an den NHS."

Fast 70 Prozent aller Gesundheitsausgaben zahlt in Großbritannien der Staat, aus Steuergeldern. In Deutschland sind es nur etwa 12 bis 13 Prozent, über die Hälfte tragen hier zu Lande die Kassen über Versicherten-Beiträge. Die Briten müssen kaum zuzahlen, außer bei Medikamenten, Zahnersatz oder Brillen. Jedes Jahr setzt die Regierung die Gesundheitsausgaben fest und verteilt sie regional nach Anzahl und Alter der Einwohner. Das System besteht aus drei Stufen: Die Gemeinde übernimmt die Basisversorgung, es gibt normale Kliniken und Spitzenmedizin in ausgewählten Häusern.

Seit langem schon leben die Briten mit einem Verfahren, das die deutsche Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) erst mühsam einführen will. Ein Patient muss sich zunächst beim Hausarzt melden, der ihn dann zum jeweiligen Spezialisten schickt. Britische Ärzte müssen ihre Arbeit auch von anderen Ärzten überprüfen lassen. Liegen ihre Heilerfolge unter den statistischen Vorgaben, müssen sie sich möglicherweise nachschulen lassen. Hier zu Lande lehnen die Mediziner einen Ärzte-TÜV rigoros ab und verweisen auf die mangelnde Kompetenz der Kassen. Die Kliniken konkurrieren in Großbritannien auch kaum untereinander. So legen die zuständigen Behörden fest, welche Häuser Abteilungen für Kinder-Erkrankungen haben und welche nicht.

Dennoch: Auf einigen Gebieten haben die Briten Nachholbedarf. Engländerinnen sterben viel häufiger an Brust- oder Gebärmutterkrebs als Frauen in anderen EU-Ländern. Bei Herzerkrankungen sieht es ebenfalls düster aus. In Deutschland sterben auf 100 000 Einwohner 184 Männer zwischen 45 und 64 an Herzinfarkt, in Großbritannien sind es 243. Immerhin soll sich das ändern. Bis zum Jahr 2010 will Labour die Zahl der Krebs- und Herztoten drastisch verringen. Die Wartelisten für einen Klinikplatz sollen sich ebenfalls verkürzen. Dazu steigen die jährlichen Gesundheitsausgaben von derzeit 150 Milliarden Mark in den kommenden drei Jahren um 60 Milliarden Mark. Bereits im Wahlkampf 1997 hatte Tony Blair kürzere Wartelisten versprochen. Doch im ersten Amtsjahr mussten die Patienten zunächst länger auf einen Platz in einer Station warten, erst 1999 besserte sich dies leicht.

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