Politik : „Unsere Hände sind seit langer Zeit schmutzig“

Der New Yorker Terrorexperte Strozier sieht in Amerika eine lange Tradition des Folterns

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Im Skandal um die missbrauchten irakischen Gefangenen behauptet die USRegierung weiter, es handele sich um Einzeltäter. Aber ist Folter wirklich so selten in US-Militär- und Geheimdienstkreisen?

In unserem Land gibt es eine lange Tradition, solche Methoden anzuwenden. Spezialeinheiten der Armee und der CIA gehören zu den kenntnisreichsten Experten. Sie sehen das als ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Terror an. Sie foltern laufend und sie machen damit auch jetzt weiter.

Nach Informationen der „New York Times“ treibt es die CIA so schlimm, dass die Bundespolizei FBI damit lieber nichts zu tun haben will.

Das FBI ist sehr vorsichtig geworden, Folter so systematisch wie die CIA zu nutzen, weil die Bundespolizisten rechtliche Konsequenzen fürchten. Ihnen ist es deshalb untersagt, an Verhören von Topterroristen der Al Qaida teilzunehmen. Die FBI-Leute sind wirklich keine Weicheier, aber die glauben mittlerweile, die CIA sei außer Kontrolle geraten.

Warum interessierte sich im Weißen Haus bislang niemand für die Grausamkeiten hinter verschlossenen Türen?

Nach dem 11. September gab es eine geheime Absprache mit Präsident George W. Bush, gegen Terroristen neue, härtere Foltermethoden anzuwenden. Schlafentzug, Wasserfolter und Gott weiß was noch. Danach hat Bush so getan, als wisse er von nichts. Niemand sollte ihn zum Beispiel darüber unterrichten, wo und unter welchen Umständen Khalid Scheich Mohammed, einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, gefangen gehalten wird. Die CIA lässt keinen zu den ranghohen Al-Qaida-Häftlingen, keine Menschenrechtsorganisationen, keine Journalisten, niemanden.

Dann ist die öffentliche Entrüstung über die Folterbilder im Irak also ziemlich scheinheilig?

Es hat seit 2001 zweifellos eine Kursänderung gegeben, in der Politik und in der Gesellschaft. Davor hatten wir nicht einmal Umfragedaten zum Thema Folter. Obwohl es sie schon lange in den USA gibt. In der berüchtigten „School of the Americans“ in Georgia gehörte systematische Folter zum Lehrplan. Eine ganze Generation von lateinamerikanischen Polizeichefs und Militärkommandeuren ist in den USA unterwiesen worden. Die Sache kam in den 90er Jahren ans Tageslicht. Danach haben sie die Schule dichtgemacht, nur um am nächsten Tag an derselben Stelle, im selben Gebäude, mit denselben Lehrern und Schülern eine neue mit anderem Namen zu gründen. Als das rauskam, verlegten sie die Folterkurse an einen unbekannten Ort.

Schwer vorzustellen, dass die US-Regierung ein Interesse daran hat, südamerikanische Folterknechte auszubilden.

Unsere Hände sind seit langer, langer Zeit schmutzig. Die Folterkultur entwickelte sich während des Kalten Krieges. Die Reagan-Regierung glaubte, das sei die einzige Möglichkeit, kommunistische Kollaborateure zu stoppen. Dann kamen die Probleme mit den Drogenkartellen und die Bekämpfung des Terrorismus.

Und die Öffentlichkeit guckt weg?

Vor dem 11. September haben die Leute gesagt: Ja, ich habe davon gehört, aber ich will davon nichts wissen. Nach den Terroranschlägen befürwortet die große Mehrheit Folter, wenn man sie fragt: Sollen wir sie nutzen, um Informationen zu gewinnen, die neue Terroranschläge verhindern?

Hat die schleichende Befürwortung dieser Methoden gegen Terroristen den Weg für die Folterungen in Abu Ghraib geebnet?

Auf jeden Fall. Das sind nicht nur ein paar faule Äpfel. Nach jüngsten Berichten liegen dem Pentagon 2600 Bilder vor, nur um die 20 sind bislang veröffentlicht worden. Es fehlt ein riesiger Stapel.

Halten Sie persönlich Folter in bestimmten Fällen für ein legitimes Mittel?

Ich habe mich das lange gefragt. Das klassische Beispiel ist Zacarias Moussaoui, der mutmaßliche 20. Flugzeugentführer, der bereits vor dem 11. September gefasst wurde. Hätten ihn die FBI-Agenten gefoltert, die ihn verhörten, könnten die 3000 Menschen, die im World Trade Center und im Pentagon starben, wahrscheinlich noch leben. Aber vielleicht hätte es dann einen 9. November gegeben. Al Qaida wäre jedenfalls kaum verschwunden. Und wie lächerlich gering ist der mögliche Nutzen der durch Folter gewonnenen Informationen in Abu Ghraib, verglichen mit dem Ansehensverlust Amerikas in der arabischen Welt, in Europa, überall. Folter kann für eine zivilisierte Gesellschaft keine Option sein.

Das Gespräch führte Matthias B. Krause.

Charles B. Strozier ist Psychoanalytiker und Historiker. Er forscht am New Yorker John Jay College for Criminal Justice über Terrorismus.

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