Politik : Unsichtbare Spuren

Sicherheitsexperten vermuten: Die in Algerien verschwundenen Touristen sind von Terroristen entführt worden

Frank Jansen[Berlin],Ralph Schulze[Madrid]

Von Frank Jansen, Berlin,

und Ralph Schulze, Madrid

Die Anzeichen verstärken sich. Eine islamistische Terrorgruppe mit Kontakten zu Al Qaida hat offenbar die Touristen entführt, die im Süden Algeriens verschwunden sind. „Es gab einen Überfall“, heißt es in Sicherheitskreisen. Es sei auszuschließen, dass die 21 Reisenden, unter ihnen 16 Deutsche, bei einem Unwetter in der Sahara oder einem Autounfall ums Leben gekommen sein könnten. Als wahrscheinlich gilt vielmehr, dass die „Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat“ (Salafiyya-Gruppe für die Mission und den Kampf) die Touristen gekidnappt hat. Die mehrere hundert Kämpfer zählende Gruppe, zumeist bekannt unter ihrem Kürzel GSPC, will das algerische Regime stürzen und einen Gottesstaat errichten. Nach bisher nicht bestätigten, inoffiziellen Berichten soll die GSPC inzwischen sogar weitere Urlauber entführt haben. Möglicherweise handelt es sich um Briten und Österreicher. Sie sollen von Südalgerien in den Nachbarstaat Niger verschleppt worden sein.

Als mutmaßliche Schlüsselfigur gilt einer der Anführer der GSPC, Mokhtar Belmokhtar. Der Islamist hat eine abenteuerliche Biografie. In der algerischen Armee bekleidete er den Rang eines Oberst, brach aber mit dem Regime und soll sich dann in Afghanistan aufgehalten haben. Zurück in Algerien beteiligte er sich mit einer eigenen Bande am Waffenschmuggel über die Grenzen zu Niger, Mali und Mauretanien. Auch als sich Mokhtar Belmokhtar mit seiner Gruppe MBM – nach den Initialen des Anführers – den Islamisten der GSPC anschloss, betrieb er den einträglichen Waffenschmuggel offenbar weiter. Im Januar 2000 soll Belmokhtar für die Drohungen gegen die Teilnehmer der Rallye Paris–Dakar verantwortlich gewesen sein. Die Etappe durch Niger wurde abgesagt, die Fahrer sowie ihre Wagen und Motorräder wurden per Luftbrücke nach Libyen gebracht. Aus Algerien ist zu hören, die GSPC sei in der Sahara zuletzt auch mit dem Diebstahl von Fahrzeugen und mit „falschen Straßensperren“ aufgefallen.

Internationale Sicherheitskreise schließen nicht aus, dass sogar Osama bin Laden hinter der Entführung der Urlauber stecken könnte. Ein Indiz: Drei Saudis, Mitglieder der Al Qaida, sollen sich im Dezember in Niger mit Mokhtar Belmokhtar getroffen haben, um ihm eine Botschaft von bin Laden zu überbringen. Über den Inhalt ist angeblich bisher nichts bekannt.

Eine weitere Theorie: Die GSPC könnte die Urlauber als Geiseln genommen haben, um vier in Deutschland einsitzende Landsleute freizupressen. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main verurteilte am 10. März die Islamisten Djillali Benali, Lamine Maroni, Fouhad Sabour und Salim Boukhari zu Haftstrafen zwischen zehn und zwölf Jahren. Zwar verschwanden die ersten Touristen Ende Februar, doch zeichnete sich da schon ein hartes Urteil gegen die vier Männer ab. Die Terroristen hatten im Dezember 2000 von Frankfurt aus einen Bombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg vorbereitet. Das Bundeskriminalamt konnte die vier Algerier gerade noch rechtzeitig an den Weihnachtstagen festnehmen. Die Islamisten unterhielten nach Erkenntnissen der Behörden zumindest Verbindungen zur GSPC.

Bislang fehlt – offiziell – jede Spur von den Urlaubern. Die Bundesregierung äußert sich „sehr besorgt“. Im Auswärtigen Amt tritt täglich ein Krisenstab zusammen.

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