Politik : Unter dem Deckmantel der Forschung

Holocaust-Konferenz in Teheran eröffnet

Andrea Nüsse

Kairo - Eigentlich ist es ein schönes Bild: Ein jüdischer Rabbi tauscht Visitenkarten mit einem muslimischen Theologen aus. Doch dieses Zusammentreffen bei der umstrittenen Holocaust-Konferenz im Iran, die am Montag eröffnet wurde, trägt womöglich wenig zur Völkerverständigung bei. Zwar bemühte sich Außenminister Manuschehr Mottaki in seiner Rede, die Konferenz mit dem Titel „Studien des Holocaust: Eine globale Perspektive“ als eine wissenschaftliche Veranstaltung zu präsentieren. Es gehe nicht darum, die Existenz des Holocaust zu leugnen oder zu bestätigen, sagte Mottaki. Vielmehr solle europäischen Forschern ein Forum geboten werden, um ihre Arbeiten zu diesem „historischen Phänomen“ vorzustellen. Auch der Leiter des Instituts für Politische und Internationale Studien, das die Konferenz organisiert, Rasul Musawi, betonte, dass die Konferenz Wissenschaftlern die Gelegenheit geben sollte, „unbehindert von westlichen Tabus“ das „historische Ereignis“ zu diskutieren.

Doch die Teilnehmerliste zeigt, dass es sich bei den sogenannten Wissenschaftlern vielfach um westliche Revisionisten handelt, die wegen Leugnung des Holocaust oder historischer Fakten teilweise bereits zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, oder um ultra-orthodoxe Juden, die Israels Existenz aus religiösen Gründen nicht anerkennen.

Vor dem Hintergrund der Äußerungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust als „Mythos“ bezeichnet und zum Kampf gegen Israel aufgerufen hatte, ist diese Ausrichtung wenig überraschend. Ahmadinedschad selbst tritt bei der Konferenz nicht auf, aber eine Rede des iranischen Regierungschefs soll direkt in den Konferenzsaal übertragen werden. Insgesamt 67 Personen aus 30 Ländern nehmen an der zweitägigen Konferenz teil. Aus Deutschland wurden offiziell zwei Gäste eingeladen. Allerdings seien sechs weitere Deutsche mit Touristenvisa nach Teheran gereist, hieß es aus dem iranischen Außenministerium. Um wen es sich dabei genau handele, sei aber unbekannt.

Im Iran und in der arabischen Welt zweifeln nicht nur Extremisten an Existenz und Ausmaß des Holocaust. In Deutschland, Österreich, Frankreich und zahlreichen anderen europäischen Ländern steht die Leugnung der massiven Judenvernichtung im „Dritten Reich“ unter Strafe. Der französische Revisionist Georges Thiel, der die Existenz von Gaskammern bestreitet, bezeichnete den Holocaust in Teheran als eine „große Lüge“. Die Juden seien zwar deportiert und verfolgt worden, aber es habe keine Gaskammern gegeben, sagte er.

Bundestagspräsident Norbert Lammert protestierte scharf gegen das Teheraner Treffen. In einem Brief an Ahmadinedschad schrieb der CDU-Politiker: „Ich verurteile nachdrücklich jeden Versuch, unter dem Vorwand wissenschaftlicher Freiheit und Objektivität antisemitischer Propaganda ein öffentliches Forum zu bieten.“ Ziel der Konferenz sei es, „antijüdische Ressentiments zu verstärken und einer dezidiert israelfeindlichen Politik eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung zu verleihen“.

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