Politik : Unter dem Schluss-Strich bleibt eine ernüchternde Bilanz (Kommentar)

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An diesem Donnerstag wird die US-Flagge auf Haiti eingeholt, endet nach sechs Jahren die Friedensmission amerikanischer Soldaten auf der Karibik-Insel. Bilanzzeit also: Sind die gesteckten Ziele erreicht worden? Den erst demokratisch zum Staatsoberhaupt gewählten und dann vertriebenen Ex-Priester Aristide zurück in sein Präsidentenamt zu befördern - das war die Hauptaufgabe der von den Vereinten Nationen sanktionierten US-Aktion. Die ehrgeizigeren Ziele lauteten: Demokratisierung und "nation building". Was unter dem Schluss-Strich davon übrig geblieben ist, kann nur ernüchtern. Die Wirtschaft Haitis liegt weiter am Boden, an der bitteren Armut der Bevölkerungsmehrheit hat sich nichts geändert. Gewalt regiert weiter die Slums und die Politik. Die neu aufgebaute Polizeitruppe hat kaum sich selbst im Griff, ganz bestimmt nicht das Land, und kann keine öffentliche Sicherheit garantieren. Aristide ist, wie es die Verfassung verlangt, nach seiner Amtszeit abgetreten, doch er bewirbt sich wahrscheinlich erneut. Der charismatische Armenpriester, zu dessen Gunsten von außen eingegriffen worden war, ist selbst zum Symbol der Ambivalenz dieser Intervention geworden. Ein Nelson Mandela ist er nicht, nicht mal ein Lech Walesa. Große Teile seiner Unterstützer aus der Intelligenz werfen Aristide heute vor, sich gegen Bares zum Schergen der korrupten Eliten gemacht zu haben und selbst der reichste Mann der Insel geworden zu sein. Haiti ist leider zum Muster für die Vergeblichkeit geworden, einer Nation durch ein militärisches Eingreifen von außen geordnete Verhältnisse verschaffen zu wollen.

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