Politik : Unter den Linden: Halleluja

Bernd Ulrich

Hat Gerhard Schröder sich verändert, seit er Kanzler ist? Ja, sehr. Vielleicht durchs Beten. Seine Frau ist nämlich katholisch und ihre Tochter gerade zur Kommunion gegangen. Und jetzt wird eben gebetet bei Schröders. Schon möglich, dass Gerhard Schröder deshalb gut eingestimmt war auf seinen ersten Auftritt bei der Katholischen Akademie in Berlin. Seine Rede über den Wandel des Wandels im Wandel der Zeiten war so angenehm wohltemperiert, dass das katholische Publikum um ein Haar ein Halleluja angestimmt hätte. Die Fragen, die ihm nachher gestellt wurden, waren jedenfalls alles andere als kritisch. Sie wollten ihn ermuntern: mehr davon. Mehr vor allem von seinen Bekenntnissen zu den Kirchen und ihrer überragenden Rolle in unserer Gesellschaft, in der es "keinen Mangel an Wettbewerb gibt, eher einen Mangel an Kohäsion". Und diesen Zusammenhalt kann niemand besser stiften als die Kirchen. "Ich wüsste nicht, wer sonst", sagt der, von dem so viele erwarten, dass er und die Politik es tun könnten.

Die Kirchensteuer steht nicht zur Debatte, und was den Religionsunterricht angeht, da sendet der Kanzler einen schönen Gruß an die Berliner Genossen: So nicht, meine Brüder! Natürlich, so könnte man einwenden, was hätte er anderes sagen sollen im Angesicht der Prälaten und des Kardinals und unter scharfer Beobachtung Jesu Christi. Nun, er hätte sich so distanziert gegenüber den Kirchen geben können, wie das Friedrich Merz an gleicher Stelle im Vorjahr getan hat. Wer hätte das gedacht? Der Sozialdemokrat kommt den Katholiken näher als der Christdemokrat. Hat das Amt Gerhard Schröder verändert? Das Amt vielleicht, die Ehe bestimmt. Halleluja.

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