Politik : Unter der Dusche

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Tagebuchnotiz 10. November 1989, Hotel an der Alster in Hamburg. Bin gestern Abend gezwungenermaßen sozusagen mit den Vögeln zu Bett gegangen – der frühe Maskentermin heute fordert seinen Tribut. Davor haben wir eine lange Zeit in Polen gedreht, tags zwischen Armut und Desolation – und abends dann im bescheidenen Zimmer behämmert von den Nachrichten des DDRRundfunks, die glauben machen wollen, der beharrliche und wachsende Widerstand der DDR-Bürger entstamme den Phantasien der westlichen Staatsfeindgehirne. Aus der Dusche kommend, drehe ich meiner neu gewonnenen Gewohnheit nach das Radio an und höre die 6-Uhr-Nachrichten. Was mein Bewusststein erreicht, sind Wortfetzen wie Morsezeichen, ist ein Steinschlag von Geschichte. Auf. Mauer. Gestern Abend. Brandenburger Tor. Menschenmassen. Mauer. Auf. Jetzt in Berlin sein – was ist Hamburg jetzt gegen Berlin. Daheim anrufen, sofort, nein, das geht nicht, es ist zu früh, diese Nacht wird auch ihren Tribut gefordert haben. Später, in der Garderobe des Studios, hocke ich mit meiner Freundin, der Kostümbildnerin da, die Gedanken haben sich in eine halbwegs logische Reihe geordnet, aber nun bin ich deprimiert, wir sind beide deprimiert, ausgeschlossen vom Ort des Geschehens wie zwei Kinder, denen eine Geburtstagsfete verweigert wird. Noch später kehrt endlich wieder Normalität, humoriger Alltag in mein aufgeputschtes Hirn ein. Anruf daheim. Bist Du schon wach? Ist es nicht Wahnsinn? Ist es nicht ... unbeschreibbar? Warst Du noch lange feiern? – Ach Quatsch, was sollte ich denn feiern, ich war den Abend über daheim und habe gearbeitet, bin nicht mal mehr mit dem Hund rausgegangen, da war wieder so eine Demo am Kudamm, da hab ich dem Hund gesagt, wir bleiben besser zu Hause, da ist es ruhig und gemütlich! Fotos: dpa

Elisabeth Trissenaar, Schauspielerin damals wie heute.

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