Politik : Unter Hofräten

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Wenn in Wien einer ins, sagen wir, Café Central einfällt, sich selbst und seinen Rucksack auf je einen Thonet-Stuhl wuchtet, die himalayataugliche Bergjacke in suchtruppfreundlichem Schrillorange über die Lehne wirft, das runde Marmortischchen mit Postkarten, Reiseführern, einem überdimensionalen Faltplan sowie andenkenhalber erworbenen Mozartkugelpäckchen pflastert und dem Herrn Ober nach getaner Arbeit ein schneidiges „Kellner!“ zuruft – dann kann es ihm trotzdem passieren, dass ihn der Angeraunzte mit „Herr Hofrat“ anspricht. Es ist dies dann aber weniger ein Zeichen der Hochachtung als des Mitleids, weil sich der Herr Ober denkt, Manieren hat er keine, da wird er auch keinen Titel haben, die arme Sau, also werd’ wenigstens ich ihm einen geben. Hofrat ist praktisch, weil schon die Tatsache, dass sie in Österreich daneben den Wirklichen Hofrat haben, auf die relativ breite Streuung dieses Titels hindeutet, so dass die Gefahr gering ist, dass ein wirklicher Hofrat am Nachbartischchen sich zurückgesetzt fühlen könnte. Überhaupt sind Titel etwas Praktisches. Der moderne Mensch merkt es erst, wenn er keinen hat. Unlängst ist uns eine Einladung zu Gesicht gekommen zu einer Veranstaltung einer Gesellschaft mit einer beneidenswerten Vorstandsliste. Unter pensioniertem Vizeminister geht da nichts. Umso mehr fällt ein Clubmitglied ins Auge, dem solche Würdenträgerschaft erkennbar fehlt. Einen Zusatz führt er aber trotzdem: „Philantrop“. Das ist laut Lexikon ein Wohltäter. Ein stolzer Titel, fürwahr. Wer kann das schon von sich sagen? Falls das Gremium zufällig gütigst erwägen wollte, mich in seine Reihen aufzunehmen: Mir tät’s ein Hofrat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben