Politik : Unter Stalin verschleppt

Grzegorz Lato

Als Fußballer nahm ich an drei Weltmeisterschaften teil. Doch nicht nur weil Polen bei der Weltmeisterschaft 1974 Dritter wurde, ist für mich das Turnier in Deutschland das schönste Erlebnis geblieben. Immer wenn wir von unseren Spielen in unser Mannschaftsquartier nach Murrhard zurückkehrten, winkten uns die Leute mit deutschen und polnischen Fahnen zu. Ein wenig waren wir auch ihr Team. Als Sportler fühlte ich mich schon damals als Europäer und Weltbürger. Zum Ende meiner Karriere spielte ich noch einige Jahre in Belgien und Mexiko und wohnte anschließend in Kanada.

Am meisten vermisste ich im Ausland allerdings die einmalige Atmosphäre meines Landes. Polen sind unheimlich gastfreundlich, man kann bei ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit einfallen. Die Familienbande sind sehr stark. Auch darum ist für mein Land der 1. Mai ein so wichtiges Datum: Wir freuen uns, endlich zur gemeinsamen europäischen Familie zu gehören.

Natürlich sind die Ansichten zur EU in meinem Land geteilt. Wir sind ein sehr meinungsfreudiges Volk. Wo fünf Polen sind, gibt es mindestens sechs verschiedene Ansichten. Doch eines ist sicher: Wir werden alles tun, um in der EU mit raschen Schritten unseren Rückstand aufzuholen, dasselbe Lebensniveau wie im Westen zu erreichen. Dazu werden wir natürlich auch die Strukturhilfen der EU benötigen.

Die Geschichte und der Zweite Weltkrieg haben das Verhältnis zu den Deutschen geprägt. Doch bereits mit dem Brief der polnischen Bischöfe im Jahr 1965 wurde eine neue Etappe im Verhältnis der beiden Völker eingeleitet. Lange lebten wir nebeneinander her. Nun gilt es, gemeinsam Europa zu gestalten.

An meine sportlichen Begegnungen mit den Deutschen erinnere ich mich sehr gut. Das legendäre Wasserspiel bei der Weltmeisterschaft 1974 in Frankfurt hätte eigentlich nie angepfiffen werden dürfen. Ich kickte den Ball zwei Meter, dann Paul Breitner zwei Meter, bis schließlich einer den anderen endlich den Ball aus der Pfütze schlagen ließ – es war wie in einem Comic-Strip. Mit der Traditionself Gorskis Adler habe ich seitdem mehrmals gegen die Uwe-Seeler-Mannschaft gespielt. Es sind schöne Spiele – und sie enden immer mit einem Bankett.

Früher brauchten wir für jedes Land ein Visum, jetzt können wir ohne Probleme durch ganz Europa reisen. Die demokratischen Veränderungen seit den 80er Jahren sind für mich ein großes Plus. Mitglied einer Partei bin ich nicht, aber ein Rechter bin ich nie gewesen. Im letzten Präsidentschaftswahlkampf unterstützte ich Aleksander Kwasniewski.

Als Politiker engagiere ich mich natürlich nicht nur in der Sejm-Elf für den Sport. Hoffentlich werden sich nach dem Beitritt zur Europäischen Union auch in Polen endlich kapitalkräftigere Sponsoren finden. Unsere Liga ist schwach, die Clubs haben kein Geld, und die besten Spieler verdingen sich im Ausland. Aber Probleme haben ja auch die reichen deutschen Bundesliga-Vereine. Einige unserer Vereine wie Wisla Krakau, Groclin Grodzisk oder Amica Wronki haben bereits gezeigt, dass auch unsere Vereine international durchaus mithalten können. Irgendwann wird auch ein polnischer Club wieder in der Champions League spielen.

Aufgezeichnet von Thomas Roser. Grzegorz Lato war Torschützenkönig bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Er wurde auf der Liste der Sozialdemokraten 2001 als Parteiloser in den Senat gewählt .

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