Politik : Untergang der Kursk: Am Hochmut erstickt

Stephan-Andreas Casdorff

Diesen Namen muss man sich merken. Der Oberbefehlshaber der russischen Kriegsmarine heißt Admiral Wladimir Kurojedow. Er hat die Bergung der Kursk aus dem Nordmeer als ernsthafte Herausforderung im technologischen, moralischen und psychologischen Sinn bezeichnet. So kann man es auch sagen. So hart. Und so kalt wie die See, in der 118 Seeleute quälend langsam gestorben, man muss wohl sagen: elend verreckt sind.

Wir wussten zwar, dass die Männer nach einer Explosion an Bord nicht mehr rechtzeitig herauskommen konnten aus ihrem stählernen Sarg am Meeresgrund. Nur war bis gestern nicht bekannt, unter welchen Umständen sie ums Leben kamen. Die Frage danach - sie wurde verdrängt. Auch vom Hin und Her bei den Versuchen der Bergung, nicht den späten aus Kreisen der Nato, sondern vor allem den kläglichen Anstrengungen der Russen. Deren Führung, und wohl kaum nur die in der Marine, war es, die nach dem Untergang der Kursk zu Anfang keine Hilfe des Westens angekommen hatte, aus falschem nationalen Stolz nicht annehmen wollte.

Gestorben, so gestorben sind die Soldaten, weil ein Staat seine Aufgaben nicht mehr erfüllt, genauer, weil er sie schlicht nicht mehr erfüllen kann. Die Sowjetunion sei ein Obervolta mit Raketen, hörten wir vor Jahrzehnten, und diese Einschätzung aus den Zeiten der Entspannungspolitik stimmt im übertragenen Sinne noch immer. Die Großmachtansprüche auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hegte Boris Jelzin für Russland, und sein Nachfolger Wladimir Putin macht daran keine Abstriche. Bis heute nicht.

Durch dieses Beharren auf Größe und Bedeutung, verbunden mit den entsprechenen Allüren, hat Putin - sicher beabsichtigt - in seinem Land zugleich Hoffnungen und Erwartungen an sich geknüpft: Dass der Staat mit seinen Organen unter ihm als dem Präsidenten für vieles, besonders für Militärisches und ganz gewiss für Hilfeleistung noch immer stark genug sei. Doch die Meldungen sagen anderes.

Nehmen wir diese: Ins Innere des Wracks sollen ausschließlich russische Militärtaucher vordringen. Die Norweger dürfen helfen, aber an den Luken und an den Löchern, die in den Rumpf der Kursk geschnitten wurden, sollen sie kehrt machen. Ja, das würde zu dieser Admiralität, überhaupt zu dieser Führung unter Putin passen: dass sie zu einem die Kraft immer noch aufbringt - zur Vertuschung.

Unverdrossen wiederholt die Marineführung jetzt die Behauptung, das abgetauchte Boot sei wahrscheinlich mit einem anderen, ausländischen, zusammengestoßen. Trotz aller Dementis aus den USA und Großbritannien. Dabei ist der wahre Grund, warum die Kursk sank, ungeklärt. Auch hat die russische Marine keinen einzigen Vorwurf wegen veralteten Materials und mangelhafter Rettungstechnik entkräften können. Und jeder weiß, dass sich an Bord des Schiffes zwei Atomreaktoren befinden, es also mit gefährlicher Atomenergie fuhr. Was bedeutet: Spätere Strahlung nicht ausgeschlossen.

Experten und Angehörige haben sich dafür ausgesprochen, wegen des Risikos für die Taucher die gegenwärtigen Bergungsversuche einzustellen. Der Admiral, dessen Namen man sich merken muss, Admiral Kurojedow, der kann es entscheiden. Davon hängt sehr vieles ab - und zwar weit mehr als der Fortbestand der russischen U-Boot-Waffe. Präsident Putin hatte kurz nach der Katastrophe versprochen, alle Opfer würden geborgen und alles werde aufgeklärt.

Diese Versprechen muss Putin halten, ganz persönlich und hoch offiziell als Präsident Russlands, damit als der oberste Vertreter des Staates. Denn so ist die Lage: Die Nation hat gelitten. Sie trauert noch immer. Sie ist verletzt, auch in ihrem Stolz. Wenn vor diesem Hintergrund die Bürger in den Weiten außerhalb Moskaus, dieser Insel inmitten der Armseligkeit, erst erfahren haben, wie die 118 Seeleute gestorben sind; wenn sie lernen, dass 23 Menschenleben hätten gerettet werden können; wenn es nun keine Signale mitfühlender Führung gibt und keine harten Konsequenzen - dann droht eine andere Havarie: eine Staatskrise. Und das im Obervolta mit Raketen.

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