Politik : Untergang der "Kursk": Erst zur Beisetzung wollen sie Trauer tragen

Elke Windisch

Unnahbar und in tadelloser Haltung saß Irina Ljatschina vor dem in sich zusammengesunkenen Wladimir Putin. Der hatte die Witwe des Kommandanten der "Kursk" vor seiner Begegnung mit den Angehörigen der Besatzung um eine Privatunterredung gebeten, um sich ein Bild über die Stimmungslage zu verschaffen.

Von dem sechsstündigen Treffen mit den Familien der 118 toten Seeleute zeigte das Staatsfernsehen, das einzige Medium, das vor Ort über die missglückten Rettungsversuche berichten durfte, keine Bilder. Aus gutem Grund: Schon Vizepremier Ilja Klebanow, der die Regierungskommission zur Untersuchung der Unglücksursachen leitet, musste am Montag durch Marineinfanterie vor Übergriffen der aufgebrachten Ehefrauen und Mütter geschützt werden.

Auch bei der Begegnung mit Putin soll es hoch hergegangen sein. So Augenzeugen, die Fernsehteams vor der Militärsiedlung Wedjajewo abpassten. Die Siedlung selbst, Heimathafen der "Kursk", wo die Angehörigen der Besatzung momentan auf einem Lazarettschiff untergebracht sind, ist Sperrgebiet und kann nur mit Passierschein betreten werden. Anders als sonst gab es mit O-Tönen jedoch keine Probleme. Die Angehörigen selbst wollten Öffentlichkeit. Putin, so berichten Augenzeugen, habe selbst wenig geredet und vor allem zugehört. Die meisten hätten erneut Vorwürfe erhoben, weil Moskau zunächst jede ausländische Hilfe abgelehnt und versucht hatte, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu verschleiern. Mehrere Frauen sollen sogar den Rücktritt von Präsident und Regierung gefordert haben, berichtete der Privatsender NTW.

Putin war unmittelbar nach dem Treffen nach Moskau zurückgeflogen. Gestern unterzeichnete er eine Verfügung, mit der die Hinterbliebenen für zehn Jahre den vollen Sold ihrer toten Ernährer ausgezahlt bekommen. An den Gottesdiensten und anderen Trauerveranstaltungen nahm der Präsident nicht teil. Die Hinterbliebenen hatten ihn sogar gebeten, die geplante Trauerfeier abzusagen. Ehefrauen und Mütter weigern sich nach wie vor, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen - und hoffen auf ein Wunder.

Auf dem Haus der Offiziere in Wedjajewo weht daher die russische Fahne weiterhin ohne Trauerflor. Vor dem Gebäude trafen sich gestern die Hinterbliebenen erneut. Ratlos, denn keiner weiß, was weiter geschehen soll. Nicht einmal an der für den heutigen Donnerstag geplanten Fahrt zur Unglücksstelle wollen alle teilnehmen. Einige, weil sie psychisch wie physisch längst ihre Grenzen erreicht haben. Andere, weil sie die Wahrheit verdrängen wollen. Einig sind sich die meisten nur, dass sie den Unglücksort erst dann verlassen werden, wenn die Leichen geborgen sind. Und erst zur Beisetzung wollen sie Trauerkleidung anlegen.

Vorerst ist an eine Bergung der Leichen jedoch nicht zu denken. Das norwegische Unternehmen, mit dem Moskau derzeit verhandelt, hat bereits erklärt, allein die Vorbereitungen würden mehrere Wochen dauern. Dazu kommt, dass russische Marineoffiziere immer heftiger darauf drängen, eigene Kräfte einzusetzen. Dabei spielt weniger der Schutz von militärischen Geheimnissen eine Rolle denn verletztes Ehrgefühl. Kompetenzgerangel und das Wetter könnten dafür sorgen, dass die Bergungsarbeiten erst im Frühjahr beginnen.

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