Politik : Untergang der "Kursk": Freiheit, Gleichheit - Würde (Kommentar)

cvm

Ohne freie Wahlen und eine unabhängige Justiz ist ein Staat keine wahre Demokratie. Aber in ihrem Kern beginnt Demokratie nicht mit dem Regelwerk der Institutionen, sondern mit dem Respekt der Obrigkeit vor dem Individuum. Insofern ist in Russland etwas Revolutionäres geschehen: Wladimir Putin, der sich Präsident nennt, aber tatsächlich bis gestern ein Nachfolger des unfehlbaren Zaren war - er fühlt sich schuldig. Und er sagt es öffentlich. Er lehnt den Rücktritt des Verteidigungsministers und des zuständigen Admirals ab, er persönlich übernimmt die Verantwortung für die Kursk-Katastrophe. Was hat ihn dazu gebracht? Die harten Vorwürfe der Familienangehörigen. Putin wusste zwar, dass er viel zu spät nach Murmansk gereist ist. Er hat gespürt, das Volk nimmt es ihm übel, dass er den Badeurlaub am Schwarzen Meer nicht unterbrach, obwohl die Besatzung der Kursk am Boden des Nordmeers grausam ertrank. Aber er hatte wohl gehofft, mit späten Gesten der Trauer und der Zuwendung werde er schon rechtzeitig Ansehen zurückgewinnen. Die Angehörigen der Toten verweigerten ihm diese Geste: Unsere Söhne, Brüder oder Enkel mögen kleine Untertanen gewesen sein, aber es waren doch Menschen. Die Trauerfeier musste abgesagt werden. Das erinnert an die Französische Revolution: Pariser Bürger befreiten Gefangene, Kriminelle zwar nur - doch auch Menschen, denen die Obrigkeit die Würde genommen hatte. Was in Russland geschieht, ist kein Sturm auf die Bastille. Aber der Beginn des aufrechten Gangs.

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