Politik : Unterlassen

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Es gibt Situationen im Leben, in denen ist es ganz nützlich, den Paragraf 323c des Strafgesetzbuchs zu kennen. Der bedroht mit Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Gefängnis, jeden, der „bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten ist“. Der Paragraf taugt zum Beispiel gegen den Gaffer. Jeder kennt diese Spezies: Ein Unfall ist passiert, aus einem Haus schlagen Flammen, drum herum aber stehen in dichter Dreierreihe Otto und Ottilie Normalbürger und glotzen. Wer je erlebt hat, wie hartnäckig diese Ottos und Ottilien ihren Platz in der ersten Reihe gegen die Bitte verteidigen können, man möge doch Platz machen für die Rettungskräfte, wird jenen Sanitätsausbilder verstehen, der seinen Schülern eine Kopie jenes Paragrafen in die Hand drückt. Juristisch mag er falsch gedacht haben, praktisch nicht: Mit Anzeige wegen „Unterlassener Hilfeleistung“ bedroht, räumen Störenfriede rasch das Feld.

Die Sache ist uns jetzt gerade wieder eingefallen anlässlich der Fernseh-Nachrichtensendungen. Es hatte ja ein unglückseliger 16-Jähriger etliche noch jüngere Kinder als Geiseln genommen und sich mit ihnen im Computer-Raum einer Schule verschanzt. Dass wir das aus den Nachrichten erfahren – klar. Mulmig ist uns nur geworden, als wir den Reporter vor Ort gesehen haben, der uns mitteilte, dass die Polizei begütigend auf den Geiselnehmer einrede, aber einen Sturm auf die Schule ebenfalls erwäge. Und wenn nun, wie es der Teufel will, der junge Kerl in der Schule fernsehen könnte und das hört? Ob nicht für den Moment die beste Hilfeleistung darin bestehen könnte, das Reportieren – zu unterlassen?

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