Unterlassene Hilfeleistung : Helfen ist nicht mehr der Normalfall

Ein alter Mann liegt in einer Bankfiliale am Boden, vier Menschen steigen über ihn hinweg und erledigen am Bankautomaten ihre Geschäfte. Traurig, aber Alltag. Ein Kommentar.

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Die Überwachungskameras der Bankfiliale haben den Vorgang aufgezeichnet.
Die Überwachungskameras der Bankfiliale haben den Vorgang aufgezeichnet.Foto: dpa

Vier Personen steigen in einer Essener Bankfiliale über einen am Boden liegenden alten Mann hinweg, erledigen ihre Bankgeschäfte und gehen wieder. Keiner kümmert sich. Das ist unterlassene Hilfeleistung. Sie ist juristisch strafbar und moralisch verwerflich sowieso.

Den Mann liegen zu lassen, seine Not nicht zu beachten, ist unsozial. Aber wenn es stimmt, was Sozialpsychologen sagen, dann sind die vier Personen keine egoistischen Monster, sondern der Normalfall. Davon, dass geholfen wird, könne man nicht ausgehen, sagen sie. Begründet wird das seit Jahrzehnten mit anonymisierten großstädtischen Lebensweisen.

Die digitale Revolution hat den Rückzug eines jeden in seine eigene Welt vermutlich noch befördert. Und sieht ein am Boden liegender alter Mann in einer Bankfiliale nicht aus wie ein Trunkenbold, der im Rausch umgefallen ist? Da will man sich ungern einmischen.

Aber es geht einen trotzdem etwas an. Jeder hat eine Mindestmitverantwortung für die anderen, auch vor dem Gesetz. Es gibt Polizei, Feuerwehr, Notärzte, die man anrufen kann – wie es ein anderer Bankkunde später tat. Den Mann hat das nicht mehr gerettet.

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