Politik : Unternehmens-Pleiten: Renaissance des Rheinischen

Zu den Großen kommt der Kanzler, zu den Kleinen der Konkursverwalter - die Politikerschelte wird zum geflügelten Wort. Doch die These scheint erschüttert. Ob Fairchild-Dornier, Herlitz, Holzmann oder Kirch: Große Firmen mit tausenden Arbeitsplätzen brechen binnen kurzem zusammen - und keine Regierung stellt Staatsgeld bereit.

Die Gewerkschaften unterlassen den gewohnten Ruf nach der starken Hand des Staates. Und wo sind diesmal die machtvollen Solidaritätsbekundungen? Es scheint, als sei das System des Rheinischen Kapitalismus nicht mehr intakt. Doch der Schein trügt: Das System lebt, nur die Spielregeln ändern sich.

Banken, Gewerkschaften, Politik und Industrie halten ihr Netzwerk aufrecht. Arbeitgeber und Arbeitnehmer lenken die Geschicke der Wirtschaft. In den Aufsichtsräten der Aktiengesellschaften sitzen Unternehmer wie Arbeitnehmer. Dieselben Räte treffen sich im Tarifkartell. Private Banken geben Unternehmen Geld - und kontrollieren sie. Gerne stellen sie den Aufsichtsratsvorsitzenden, der über den Vorstand und die Finanzierung befindet. Da mag der Staat nicht abseits stehen. Wenn es brennt, müssen öffentlich-rechtliche Kreditinstitute ran.

So gibt es kaum ein (ehedem) notleidendes Unternehmen, bei dem Landesbanken keine Beteiligung, keine dicken Kredite haben und einen Aufsichtsratsposten gleich dazu. Holzmanns Hausbank und zugleich Großaktionär ist die Deutsche Bank. Sie muss jetzt die Hauptlast des Zusammenbruchs tragen. Noch vor wenigen Jahren hatte sie im Gespann mit Management und Betriebsrat einen Übernahmeversuch durch den Konkurrenten Hochtief abgewehrt. Jetzt wären die Deutschbanker froh, Holzmann los zu sein. Bei Kirch hat sich die Bayerische Landesbank kräftig engagiert, wohl auf Betreiben der Landesregierung. Aber es ging um den Medienstandort München. Dabei spielte Kirch die zentrale Rolle.

Dumm nur, dass die teuren Rettungsaktionen immer wieder fehlschlagen. Zudem geraten zwei Grundpfeiler des Systems ins Wanken. In einem vereinten Europa können die Bundes- und die Landesregierungen nicht mehr eingreifen, wie und wo sie wollen. Brüssel stoppt die Macht der Landesbanken, kontrolliert jeden Cent Subvention. Zweitens wollen die Banken nicht mehr. Das reine Kreditgeschäft ist unrentabel geworden, die Rolle der Hausbank, die Managementfehler verzeiht, unangenehm. Die großen Institute wandeln sich zur Investmentbank. Das ist mehr als nur ein Etikett, Traditionen und persönliche Beziehungen zwischen Banken und Industrie spielen eine kleinere Rolle. Die Industrie wird zum Spielball der Investmentbanker. An Fusionen und der Aufteilung von Konzernen lässt sich gut verdienen.

Lange sah es so aus, als werde der Konsens-Kapitalismus deutscher Prägung durch Aktionärs-Kapitalismus amerikanischer Couleur verdrängt. Shareholder Value - die Ausrichtung der Unternehmenspolitik an den Interessen der Aktionäre - und angelsächsische Finanzmarktsitten galten als schick. Auslandsinvestoren drängten nach Europa und suchten Anlageobjekte - nach internationalen Spielregeln natürlich.

Doch der Börsencrash, die Skandale um Milliarden schwere Luftgeschäfte in der New Economy oder bestechliche Wirtschaftsprüfer in den USA nährten Zweifel. Vielleicht ist ja doch etwas dran an den vorsichtigen deutschen Bilanzierungsregeln, die zuvor als altmodisch abgestempelt worden waren. Vielleicht ist die viel gescholtene Sozialpartnerschaft doch ein gutes Instrument, um eine blinde Ausrichtung der Konzerne auf Profit auszutarieren. Selbst die schärfsten Verfechter des angelsächsischen Kapitalismus gestehen heute den Konstruktionsfehler ein: die Interessen von Arbeitnehmern müssen berücksichtigt werden - das deutsche Modell.

Diese Rehabilitierung ändert aber nichts an den eigenen Konstruktionsfehlern. Die paritätische, aber lähmende Aufsicht der Arbeitsverwaltung hat versagt. In den Aufsichtsräten der Konzerne geht es ähnlich zu. Die Formen der Mitbestimmung lassen sich modernisieren. Und weil der Rheinische Kapitalismus immer wieder in Kungelei entartet, ist mehr Transparenz nötig. Die Deutschland AG hat die Herausforderung durch die New Economy überlebt. Aber es wird Zeit für eine Generalüberholung.

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