Politik : Unternehmer spielten mit gezinkten Karten

Martin Alioth

Nun sieht das Land seinen Gesellschaftsvertrag in Gefahr. Denn nur die unteren Einkommensklassen mussten den Gürtel enger schnallenMartin Alioth

"Cement Roadstone" ist das größte Unternehmen Irlands. 1987 saßen 15 Geschäftsleute im Aufsichtsrat - die "Hautevolee" des irischen Unternehmertums. Diese Woche wurde bekannt, dass acht von ihnen ihr Vermögen am irischen Finanzamt vorbei auf die Cayman-Inseln schleusen liessen. Sie befanden sich in der Gesellschaft von insgesamt 100 "schwergewichtigen" irischen Steuerpflichtigen. Drahtzieher und Privatbankier der Sonderklasse war der inzwischen verstorbene Des Traynor, Aufsichtsratvorsitzender von "Cement Roadstone". Das Volumen der von ihm - ohne Banklizenz - verwalteten Gelder wird vorsichtig auf eine Milliarde Mark geschätzt. Er begnügte sich nicht damit, die Gelder in den Antillen "einzupökeln": über 100 Milionen Mark wurden wiederum bei irischen Geschäftsbanken angelegt. Wenn einer der Steuerhinterzieher Bares brauchte, veranlasste Traynor einen Kredit. Die Zinsen waren dann steuerlich abzugsfähig. Traynor führte auch die überquellende Haushaltskasse des damaligen Premierministers Charles Haughey. Der Finanzjongleur bat seine wohlhabenden Kunden um Geldgeschenke für den luxusverwöhnten Spitzenpolitiker. Man weiß inzwischen von rund zehn Millionen Mark, die Haughey aus diesen Quellen erhielt. Baulöwen, Supermarktbesitzer, Grundstücksmakler, Hoteliers und viele andere trugen willig ihr bisweilen siebenstelliges Scherflein bei, im Wissen darum, dass ihre Konten unantastbar waren.

In diesen 80er Jahren war die irische Wirtschaft in erbärmlichem Zustand. Der Staat steckte bis zum Hals in Schulden, die Arbeitslosenquote näherte sich der Zwanzig-Prozent-Marke, wer Arbeit hatte, ächzte unter hohen Steuersätzen. Der Mehrwertsteuersatz auf elementaren Dinge wie Waschpulver betrug 35 Prozent, kleine Durchschnittsverdiener zahlten von jedem zusätzlich errackerten Pfund über die Hälfte an den Fiskus.

Die Wende zum Besseren begann 1987, mit dem ersten in einer Reihe von Rahmenabkommen zwischen den Sozialpartnern und der Regierung: Nach dramatischen Appellen der Politiker und der Wirtschaftskapitäne an den Patriotismus der Arbeitnehmer begnügten sich die Gewerkschaften mit winzigen Lohnerhöhungen. Dafür versprach der Staat, die Steuersätze zu senken. Gleichzeitig wurden Staatsausgaben radikal zusammengestrichen, die Kürzungen betrafen Sonderschulen und Krankenhäuser. Auf dieser Grundlage entstand das irische Wirtschaftswunder, die Iren hatten den Traum vom inflationsfreien Rekordwachstum verwirklicht.

Und jetzt stellt sich heraus, dass die oberen Einkommensklassen ihre Gürtel keineswegs enger schnallten. Sie spielten mit gezinkten Karten. Ebenfalls in diesen Tagen enthüllte ein Ausschuss des irischen Parlaments, dass das irische Bankensystem in den 80er Jahren systematisch Steuerhinterziehung begünstigte. Anstatt die neue Quellensteuer von den Zinserträgen der Sparkonten abzuziehen, durften "Hinz und Kunz" ein Konto für Auswärtige einrichten, denen die Quellensteuer erspart blieb. In gewissen ländlichen Filialen wurden Hunderte derartiger Konten eröffnet, die Bankdirektoren kannten diese Kunden in der Regel gut - es waren schließlich ihre Nachbarn und Golfpartner.
© 1999

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