Untersuchungsausschuss : Tony Blair zum Irakkrieg: Harte Geschichte

Er soll bei der Begründung des Irakkriegs gelogen haben. Jetzt sagte der britische Ex-Premier Tony Blair vor dem Untersuchungsausschuss aus. Wie war es?

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Blair
Tony Blair vor dem Untersuchungsausschuss. -Foto: dpa

Den ersten Punktsieg verbucht Tony Blair schon zwei Stunden vor Beginn der Verhandlung. Es ist noch dunkel, als seine Limousine in die Tiefgarage des Konferenzzentrums, wo die „Chilcot Inquiry“ tagt, eingefahren ist. Erst wenige Demonstranten sind schon da. Und einer Verhaftung entgeht er so auch. George Monbiot, Journalist der britischen Tageszeitung „Guardian“, hatte 100 Pfund Kopfgeld auf Blairs Verhaftung ausgesetzt. Auf arrestblair.org erklärt er, wie man einen „friedlichen Bürgerarrest“ wegen „Verbrechen gegen den Frieden macht“.

Kurz nach 9.30 Uhr nimmt der Ex-Premier vor der Kommission Platz. Hinter Blair sitzen Angehörige von im Irak ums Leben gekommenen Soldaten. Blair ist braun gebrannt, eine Woche im Monat hält er sich als Nahostbeauftragter in Jerusalem auf. Im blauen Maßanzug verströmt er staatsmännische Autorität. Aber nun ist er Zeuge Nummer 69, und dies ist vielleicht seine letzte Chance, den Briten und der Welt zu erklären, warum er 2003 45 000 britische Soldaten in den Irakkrieg schickte. Die Beteiligung an diesem Krieg war Blairs umstrittenste Entscheidung in seiner zehnjährigen Amtszeit.

Wie ein Schüler bei der mündlichen Prüfung sitzt er da, kerzengerade, wachsam, Nervosität im Gesicht. Als er die Wasserflasche aufdreht, zittern seine Hände. Blair kann für 20 Minuten Vortrag bis 20 000 Dollar kassieren. Am Freitag wurde er sechs Stunden ohne Honorar befragt. Er hat sich gut vorbereitet. Vor ihm liegt eine Dokumentenmappe mit roten Klebezetteln. John Chilcot, Leiter des Untersuchungsausschusses, erinnert ihn daran, dass er die Mitschrift der Anhörung hinterher unterzeichnen und ihren Wahrheitsgehalt bestätigen muss.

Schon in seiner ersten Antwort rückt Blair den Terroranschlag auf das World Trade Centre als zentrales Argument in den Mittelpunkt. Damit habe sich das Risikokalkül dramatisch geändert. 9/11 habe 3000 Menschen getötet, und „diese Leute“ hätten genau so gehandelt, wenn sie 30 000 Menschen oder noch mehr getötet hätten. „Von nun an musste es eine starke, klare, unzweideutige Botschaft geben. Ein Regime, das etwas mit Massenvernichtungswaffen zu tun hat, muss aufhören.“

Das Für und Wider des Krieges wurde in den Monaten vor der Invasion immer wieder debattiert. Damals konnte Blair sein Kabinett, die Labourpartei, das Parlament und einen großen Teil der britischen Medien hinter sich bringen. Nun muss er sich gegen den Vorwurf wehren, er habe im Alleingang, auf Grund einer „Lüge“ gehandelt – der Behauptung, dass der irakische Ex-Diktator Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen gehabt habe.

Blair wird lebhaft, engagiert, er scheint die Debatte zu genießen. „Wie die Leute sehen, was man getan hat, hängt immer davon ab, was später passiert“, sagt er. „Aber damals ging es nicht um Verschwörungen, um Täuschung, um Lügen. Es ging um eine Entscheidung“. Seine Sorge sei nicht gewesen, dass die Geheimdienstanalysen falsch waren, „sondern, dass sie richtig waren.“

„Ich denke, man sollte manchmal nicht nur die 2003-Frage stellen, sondern die 2010-Frage: Hätten wir ihn damals an der Macht gelassen, mit einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel, er hätte die Absicht und die Mittel gehabt und es wären wir gewesen, die die Nerven verloren hätten.“

Mehrfach spricht Blair beschwörend vom Iran. Ein großer Teil der Destabilisierung im Nahen Osten komme von dort. Die Möglichkeit, dass autoritäre Staaten, die Massenvernichtungswaffen entwickeln, mit Terroristengruppen zusammenarbeiten, sei auch heute eine „sehr gegenwärtige Gefahr“ und die Entscheidung genau die gleiche wie damals. Blair weist das Argument zurück, man hätte Saddam Hussein an der Macht lassen sollen, um den Iran in Schach zu halten. Niemand fragt ihn, ob die wachsende Dominanz des Iran nicht eine Folge des Irakkriegs ist.

Selbstsicher weist der frühere Regierungschef alle Vorwürfe zurück. Nein, der Krieg wurde nicht heimlich schon ein Jahr vorher in Texas beschlossen. „Alles war öffentlich. Ich sagte Bush britische Hilfe zu, das Problem Saddam Hussein zu lösen. Das war alles.“ Es habe keine heimliche Agenda für einen Regimewechsel gegeben. „Wenn das Ende von Saddam Husseins Waffenprogramm Regimewechsel bedeuten musste, dann war das eben so.“ Er sei auch nicht Bushs „Pudel“ gewesen. „Ich hätte den Irakkrieg nie gemacht, wenn ich nicht geglaubt hätte, dass es das Richtige war. Punkt.“ War der Krieg illegal? „Eine weitere Resolution hätte uns politisch zusammengebracht. Aber es war klar, dass Resolution 1441 Saddams letzte Chance war.“

An das Ende seiner Ausführungen setzt Blair ein dramatisches Schlusswort, in dem er keine Reue zeigt: „Ich glaube, dass die Welt – sogar aus heutiger Sicht – ohne Saddam Hussein sicherer ist.“

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