Politik : UNTER TALIBAN

Amena
Foto: promo
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Eines Tages klopfte jemand laut gegen meine Tür und ich rannte hin, um zu fragen, wer dort sei. Es klopfte wieder und sie riefen: „Wir sind Taliban, öffne die Tür!“ Ich habe mich sehr gefürchtet und meine Hände zitterten, als ich die Tür öffnete. Ich war voller Angst, weil sie bereits einmal meinen Mann mitgenommen, ihn im Gefängnis festgehalten und geschlagen hatten. Er hat deshalb bis heute psychische Probleme und Rückenschmerzen. Die Männer betraten mein Haus. Es war eine Gruppe von etwa zehn Männern, die mit Gewehren bewaffnet waren, und sie fragten, ob Männer im Haus seien. Ich sagte: „Ja, mein Stiefvater ist hier.“ Der Anführer der Gruppe stieß meinen Vater herüber und fragte: „Was geht in deinem Haus vor sich?“ Er antwortete nicht. Der bewaffnete Mann fragte: „Ist das eine Schule?“ Und mein Stiefvater antwortete: „Nein, es ist eine Näherei. Sie können es sich ansehen.“ Und sie betraten den Raum mit den Nähmaschinen und einer Gruppe Frauen. Ich habe ihnen erzählt, dass ich einen Vertrag mit einem Kleidergeschäft habe und wir die Klamotten für den Besitzer nähen, um so unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dann, endlich, verließen sie unser Haus. Sie sind nicht wiedergekommen.

Ich habe bis zur achten Klasse die Schule besucht. Ich habe mit 14 geheiratet. Nachdem mein Mann während des Taliban-Regimes ins Gefängnis gesperrt und geschlagen worden war, war er nach Pakistan geflohen, sobald er frei kam. Er hat dort Teppiche gewebt und uns 20 US-Dollar pro Monat geschickt. Als das Taliban-Regime zusammenbrach, kam er zurück und hat wieder angefangen, als Schuhmacher zu arbeiten. Zu dieser Zeit hatten wir zwei Kinder.

Während die Taliban herrschten, verteilte die Hilfsorganisation Care Essen an die Armen in Gebieten der Stadt, die vom Krieg betroffen waren und sie haben außerdem eine Näherei in unserer Gemeinde eröffnet. Sie riefen die Frauen zusammen und wollten eine Frau als Anweiserin, die lesen und schreiben konnte. Ich war die einzige Nicht-Analphabetin. So wurde ich Vorarbeiterin und bekam 70 US-Dollar pro Monat und 30 US-Dollar zusätzlich, weil ich mein Haus für die Unterbringung der Näherei hergab. Alle Frauen trugen dort Burkas.

Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt, ich habe 80 bis 90 Frauen in der Näherei angelernt. Ich habe außerdem einen Vertrag mit einem Bekleidungsgeschäft unterschrieben, der Ladenbesitzer bestellte bei meiner Näherei seine Kleider. Mit der Unterstützung von Care haben wir auch begonnen, eine Frauengemeinschaft für Erspartes und Kredite zu gründen. Aber diese Projekte waren immer nur vorübergehend, als sie zu Ende waren, habe ich für mich selbst gesorgt.

Ich habe Verträge mit einem der Taschenläden der Stadt abgeschlossen, sie überließen uns Stoff, und mein Mann und ich haben daraus Taschen gemacht. Wir haben zwölf Taschen pro Tag fertiggestellt. Im Jahr 2006, als das Widows Association for Advocacy Projekt begann, hat das Projekt zehn Stellen vergeben für Community Mobilizers (Übersetzung: Jemand, der in der Gemeinschaft Dinge anstößt und organisiert), ich wurde auch ausgewählt. Seitdem arbeite ich als Community Mobilizer und verdiene am Tag sechs US-Dollar.

Während des Taliban-Regimes gab es keine Möglichkeiten oder Chancen für Frauen und Mädchen. Wir saßen in unseren Häusern fest wie Gefangene. Es gab keine Jobs, keine Elektrizität, keine Straßen und andere städtische Einrichtungen. Jetzt haben wir exzellente Schulen für Jungen und Mädchen mit neuen Gebäuden, gut ausgebildeten Lehrern und Arbeit für Frauen. Was ich in meiner Gemeinde sehen kann, ist, dass alle Mädchen zur Schule gehen. Ich kenne mehrere Frauen, die in Regierungsbüros arbeiten, für die Vereinten Nationen oder in Büros von Nichtregierungsorganisationen. Sie bekommen gute Gehälter und sind selbstständig. Wir haben jetzt Elektrizität, in meiner Gemeinde haben alle Familien einen Fernseher. Fast 50 oder 60 Prozent der Familien haben einen Computer und die Kinder arbeiten alle mit einem PC. Das Bewusstsein und die Informiertheit der Gemeinde ist durch viele Dinge verbessert worden. Unsere Straßen sind fertig gebaut und asphaltiert.

Das Bewusstsein für Gesundheit und Hygiene hat die gesundheitliche Lage in unserer Gemeinschaft verbessert, Krankheiten sind zurückgegangen. Weniger Mütter und Kinder sterben. Die Stimmen von Frauen werden gehört, die Gewalt gegen Frauen ist zurückgegangen. Das Bewusstsein für Frauenrechte hat viel verändert, jetzt können Frauen ihr miras (Erbe nach dem Tod der Eltern) und ihr maher (Erbe und Geld, das die Frau vom Mann bekommt, so, wie es im Heiratsvertrag festgeschrieben steht) behalten und sind damit vor Zwangsehen geschützt. Zahlreiche Frauenrechte wurden der Regierung vorgetragen, und Frauen erkämpften ihre Rechte vor Gerichten und Gemeinderäten. Jetzt erlauben fast alle Familien der Stadt ihren Töchtern, zur Schule zu gehen, auch den Mädchen, deren Rechte während des Taliban-Regimes geraubt worden waren. Sie haben jetzt die Möglichkeit, ihre Schulausbildung fortzusetzen, auch wenn sie dem Schulalter längst entwachsen sind. Außerdem werden Berufsberatung und Alphabetisierungskurse für Frauen angeboten. Viele Frauen haben Arbeit und Einkommen eben wegen dieser Trainings. Und Frauen, die lesen und schreiben können, können ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen, Hinweistafeln lesen, wenn sie bei Ämtern, in Krankenhäusern oder Geschäften sind.

Wir sind allen Organisationen und allen Menschen weltweit dankbar, die für Frauenrechte in Afghanistan kämpfen, und wir bitten sie, diese Bemühungen fortzusetzen. Wir bitten sie, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, Frieden nach Afghanistan zu bringen und die Einmischung der Nachbarstaaten in unsere inneren Angelegenheiten zu unterbinden. Die Nachbarstaaten müssen daran gehindert werden, Bomben zu schicken oder Selbstmordattentäter und bewaffnete Kämpfer. Sie müssen daran gehindert werden, unser Land zu zerstören. Der Grund für die Unsicherheit in Afghanistan ist der Einfluss von Pakistan und dem Iran. Würden diese Länder uns in Ruhe lassen, könnten wir unsere Probleme mit eigenen Entscheidungen lösen. Ich bitte die Organisationen, uns zu helfen, Arbeit für afghanische Frauen zu schaffen, Märkte für unser Handwerk zu etablieren und ihre Regierungen zu überzeugen, von Frauen in Afghanistan hergestellte Produkte zu importieren. Und sie sollen der afghanischen Regierung helfen, mehr Einrichtungen für Frauen zu bauen – Märkte, Fortbildungszentren, Sportplätze, Unterhaltungsmöglichkeiten. Die afghanische Regierung muss befähigt werden, eine offene Umgebung bereitzustellen und mehr Arbeitsmöglichkeiten. Es ist wichtig, die Frauen gut auszubilden und zu fördern. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Die Autorin ist 34 Jahre alt und lebt in Golaee Mahtab Qala, dem 13. District von Kabul-Stadt. Sie hat sechs Kinder im Alter von 16, 13, zwölf, zehn, sechs und drei Jahren. Bis auf das jüngste gehen alle Kinder zur Schule.

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