Unüberlegter Schnellschuss? : Vermehrt Zweifel an Beschneidungs-Resolution
22.07.2012 20:11 UhrOffener Brief von Medizinern und Juristen
Auch die Kinderbeauftragte der SPD-Fraktion, Marlene Rupprecht, sagte, mehr als die Hälfte ihrer Fraktion sei der Auffassung, bei dem Bundestagsantrag handele es sich um einen „Schnellschuss“. Sie bewertete Beschneidung auch bei Jungen als „Form der Verstümmelung“. Man brauche kein neues Gesetz, erklärte Rupprecht. Die Gesetze seien eindeutig: „Das Wohl des Kindes ist vorrangig zu berücksichtigen.“
Nach einer repräsentativem Emnid-Umfrage für das Magazin halten lediglich 40 Prozent der Deutschen eine gesetzliche Beschneidungserlaubnis für richtig, 48 Prozent sprechen sich dagegen aus.
Namhafte Mediziner und Juristen appellierten am Wochenende an Regierung und Bundestag, keine vorschnellen Beschlüsse zu fassen. Das Thema sei dazu zu sensibel, heißt es in einem offenen Brief. Der Gesetzgeber müsse das Kindeswohl in den Mittelpunkt rücken. In dem Schreiben ist die Rede von einer „bemerkenswerten Verleugnungshaltung und Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen, denen durch die genitale Beschneidung erhebliches Leid zugefügt wird“. Den Vorwurf – unter assoziativem Verweis auf den Holocaust –, durch ein Verbot der rituellenJungenbeschneidung würde jüdisches Leben in Deutschland unmöglich, wiesen die Unterzeichner zurück.
Hintergrund des Parlamentsvotums ist ein Urteil des Landgerichts Köln, das kürzlich die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als rechtswidrige Körperverletzung gewertet hatte. Der Bundestag verurteilte zugleich erneut die in Deutschland verbotene weibliche Genitalverstümmelung, die häufig ebenfalls religiös begründet wird.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, lobte im „Focus“ erneut den Vorstoß für eine gesetzliche Regelung zu Beschneidungen. „Demoskopie ist eine Sache, Verantwortungsbewusstsein etwas anderes“, sagte er mit Blick auf die wachsende Zahl von Gegnern eines entsprechenden Gesetzes. Auch die Organisationen Unicef, Terre de Femmes sowie die Beratungsstelle „Zartbitter“ äußerten Bedenken dagegen, Intimität und körperliche Unversehrtheit von Kindern zu verletzen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte vergangene Woche die rasche Vorlage eines Gesetzentwurfs angemahnt, weil sie um den Ruf Deutschlands im Ausland fürchtet. mit epd














