Politik : Unverhüllte Worte

Londons Ex-Außenminister Straw provoziert britische Muslime

Matthias Thibaut[London]

In seiner Wählersprechstunde im Wahlkreis Blackburn habe alles angefangen, berichtete Jack Straw. Eine muslimische Frau habe dort im breitesten Lancashire-Akzent zu ihm gesagt: „Schön, Sie einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen.“ Schön wär’s, dachte Großbritanniens ehemaliger Außenminister im Stillen. Denn die Frau trug, wie viele seiner Wählerinnen in Blackburn, einen Gesichtsschleier, der nur ihre Augen freiließ. Straw veröffentlichte die Anekdote im „Lancashire Telegraph“ – und löste damit die heftigste Islam-Debatte aus, die Großbritannien seit langem erlebt hat.

Seit jener Begegnung, schrieb Straw, bitte er muslimische Frauen in seiner Sprechstunde, den Schleier abzunehmen. Alle seien der Bitte nachgekommen, sagt Straw: „Die meisten schienen erleichtert zu sein“. Der Wert einer persönlichen Unterhaltung liege darin, dass man „sehen kann, was der andere meint“. Straw bezeichnete den Schleier als „sichtbare Bekundung von Absonderung“ und ging in einem BBC-Interview sogar noch weiter: Auf die Frage, ob er einen generellen Schleierbann befürworte, antwortete er: „Ja. Es ist fundamental für die Beziehungen zwischen Menschen, dass man die Gesichter sieht.“ Kleidervorschriften wolle er niemanden machen. Aber man müsse darüber diskutieren.

Straws Äußerungen lösten einen Sturm der Entrüstung aus. „Das gibt denen Auftrieb, die Vorurteile gegenüber Muslimen pflegen“, warnte Straws Labour-Fraktionskollege Khalid Mahmood aus Birmingham. Der Sprecher des Moscheen-Rats in Straws Wahlkreis fand die Äußerungen „beleidigend“. Er sei „schockiert“, dass ein so erfahrener Politiker sich so irregeleitet äußere. Andere Muslime wie Daud Abdullah, ein Sprecher des britischen Muslim-Rates, zeigten sich verständnisvoller: „Man kann verstehen, dass ein Gesichtsschleier Nicht-Muslime beunruhigt.“

Da rund 30 Prozent der Wähler in Straws Wahlkreis Muslime sind und der Ex-Außenminister seit Jahren Umgang mit ihnen pflegt, wird nun über seine Motive für den rhetorischen Ausfall gerätselt. Manch einer glaubt, Straw wolle sich damit als stellvertretender Labour-Parteichef positionieren – nach dem Vorbild des Innenministers John Reid, der kürzlich auf einem Labour-Parteitag Härte gegenüber „muslimischen Einschüchterungsversuchen“ gefordert und jubelnden Beifall dafür erhalten hatte. Viele sehen in solchen Äußerungen den Versuch, jene immer zahlreicheren Wähler anzusprechen, die seit der Aufdeckung einer erneuten islamistischen Terrorverschwörung im Juli das alte britische Leitbild des Multikulturalismus infrage stellen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar