Politik : Unwirsche Erkundung

Dagmar Dehmer

Jürgen Trittin möchte keine Fragen beantworten. Deshalb hört der Umweltminister in Gorleben gar nicht mehr auf zu reden. Keine Zeit mehr, um noch etwas von ihm wissen zu wollen. Schließlich will der Minister die Kommunalpolitiker und Atomkraftgegner, mit denen er sich für den späten Donnerstag verabredet hat, nicht warten lassen.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Jürgen Trittin hat das Erkundungsbergwerk besucht, in dem angeblich nur die Eignung des Gorlebener Salzstocks als atomares Endlager untersucht worden ist, bevor Wolfgang König, Leiter des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), diese Erkundung vor einem Jahr vorläufig stoppte. Tatsächlich sieht es hier überhaupt nicht provisorisch aus. Riesige Hallen sind in mehr als 800 Metern Tiefe in den Salzstock gegraben worden. Die Minister-Delegation wird mit Geländewagen unter Tage spazieren gefahren. Die Luft ist trocken und staubig. Die Lippen schmecken leicht salzig.

Die Demonstranten, die auch an diesem Tag vor den Toren protestieren, hatten allen Grund, misstrauisch zu sein. Diese so genannte Erkundung sieht aus, als könnte das Endlager von einem Tag auf den nächsten in Betrieb genommen werden. Trittin wird dieses Faktum in seiner Pressekonferenz als "Vorentscheidung früherer Bundesregierungen" kritisieren. Und den Atomkonsens mit den Betreibern der 19 deutschen Kernkraftwerke loben. Denn Teil der Vereinbarung ist auch, darüber nachzudenken, welches Gestein sich als Endlager für stark radioaktive Abfälle tatsächlich eignet. Diese Aufgabe hat der Arbeitskreis Endlager (AKEnd) übernommen. Bis Ende 2002 soll er damit fertig sein.

Jürgen Trittin will in Gorleben als Umweltminister erscheinen, der durchgreift. Aber ganz geheuer scheint ihm seine eigene Vorstellung nicht zu sein. Die Unterstellung, der Atomkonsens werde von der Bundesregierung dahingehend honoriert, dass nun bei der Sicherheit der Anlagen ein Auge zugedrückt werde. Diese Unterstellung wolle er "mit Entschiedenheit zurückweisen". Für einen Moment hat Trittin eine Faust geballt, doch er haut nicht auf den Tisch. Sein Gesicht zerspringt fast. So heftig steigt ihm sein allgegenwärtiges ironisches Grinsen ins Gesicht. Nimmt sich Trittin einfach selbst nicht ernst, oder freut er sich nur diebisch darüber, dass die Zeit, ihm unangenehme Fragen zu stellen, abläuft?

Ob Trittin dem Wunsch des niedersächsischen Umweltministers Jüttner folgen und mit den Kraftwerks-Betreibern Gespräche darüber führen wird, zumindest die älteren Anlagen aus Sicherheitsgründen früher vom Netz zu nehmen, will dann doch noch jemand wissen. "Dies ist ein Appell, den Herr Jüttner an sich selbst richtet", schnauzt Trittin. Wenn es Sicherheitsprobleme gebe, sei das seine Sache. Trittin möchte die Fragen, die sich seit den Terroranschlägen vom 11. September stellen, nicht hören. Er will nur eines: eine Mehrheit für sein Atomgesetz, also den Atomkonsens. Erst wenn das Gesetz verabschiedet sei, gebe es überhaupt etwas zu reden. "Gespräche über ältere Anlagen werden wir führen, wenn die Rechtslage gegeben ist."

Dass seit den Attentaten von New York und Washington jeder weiß, dass es Terroristen gibt, die bereit sind, tausende von Menschen in den Tod zu reißen, ficht Trittin nicht an. Eine neue Debatte darüber, ob es angesichts solcher Bedrohungen noch verantwortbar ist, Atomkraftwerke weiterzubetreiben, will er sichtlich nicht führen. "Die Gefahr von Attentaten hat auch schon früher bestanden." Der deutsche Atomausstieg sei der schnellste weltweit, sagt Trittin. Lieber redet er darüber, wie viel Atommüll Gorleben erspart bleibt, weil die deutschen Reaktoren nicht, wie in den USA, 60 Jahre sondern nur 32 seit Inbetriebnahme laufen dürfen. Wie viel Atommüll dadurch nicht anfällt, hat Trittin extra ausrechnen lassen. Darüber möchte der Minister reden, nicht über selbstmörderische Terroristen und was passiert, wenn sie ein Atomkraftwerk ins Visier nehmen.

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