Politik : „Unwürdige Erfindungen“

Bagdad spielt die Anschuldigungen der USA herunter – aber kommt einer weiteren Forderung der UN nach

Andrea Nüsse[Amman]

„Ich habe leider keinen Overhead-Projektor“, entschuldigt sich Amer al Saadi bei den Journalisten im Informationsministerium in Bagdad. Er hält eine Din-A-4-Fotokopie der Satellitenaufnahme des al-Tajji-Bunkers hoch, die US-Außenminister Colin Powell am Mittwoch im UN-Sicherheitsrat als Lager für chemische Kampfstoffe präsentiert hatte. Der wissenschaftliche Berater des irakischen Präsidenten Saddam Hussein bestätigt, dass es sich bei der Aufnahme um „unsere Anlage“ handelt, die man auch von der Straße aus gut sehen könne. Allerdings seien dort nie chemische Waffen aufbewahrt worden, weil der Bunker über keine automatische Lüftung verfüge, sondern nur ein natürliches Belüftungssystem durch Öffnungen habe. Al Saadi macht einen erschöpften Eindruck, als er Powells Redetext durchgeht und frei sprechend auf einige Vorwürfe eingeht. Kein Vergleich zu der professionellen und rhetorisch geschliffenen Art, mit der Powell das Weltpublikum von Amerikas Argumentation überzeugen wollte.

Doch in der Sache ist Saddams Berater deutlich: Bei Powells Anschuldigungen handele es sich um „Fiktion“, er weist sie allesamt zurück. Der US-Außenminister habe den Chef der Waffeninspekteure, Hans Blix, zitiert, dessen Worte aber völlig aus dem Kontext gerissen. Blix habe nie behauptet, der am 7. Dezember vom Irak vorgelegte Waffenbericht sei „falsch“ gewesen. Derartige „Erfindungen“ seien einer Supermacht „unwürdig", erklärte al Saadi. Er charakterisierte Powells Vortrag als eine „Show für die wenig Informierte“.

Auf die abgehörten Gespräche zwischen irakischen Offizieren geht der Präsidentenberater gar nicht ein. Diese angeblichen Beweise seien „unter dem Niveau einer Supermacht“, jeder drittklassige Geheimdienst könne solche Gespräche „fabrizieren“. Politische Beobachter gehen aber davon aus, dass der Irak überrascht gewesen sein müsse, dass praktisch jeder Funkspruch im Lande von den Amerikanern mitgehört wird.

Ansonsten hat al Saadi für jede Anschuldigung eine Erklärung: Die Liste irakischer Wissenschaftler habe nur 500 Namen umfasst, weil die Waffeninspekteure in Absprachen gefordert hatten, man möge nur die „wichtigsten Leute“ benennen. Dass in den Unterlagen der Unscom 3500 Namen im Zusammenhang mit früheren Waffenprogrammen auftauchten, hänge damit zusammen, dass die damaligen Waffeninspekteure auch Fahrer, Gärtner und Sicherheitspersonal interviewt hätten. Die Erklärung zu den irakischen Waffenprogrammen habe möglicherweise „unsinniges Material“ enthalten, wie Powell Irak vorwirft. Danach habe die Resolution aber verlangt, da auch die Programme, die nach irakischen Angaben nicht im Zusammenhang mit dem Waffenprogramm stehen, genauestens beschrieben werden sollten. Die Informationen von Überläufern über mobile Biolabors seien ebenso unglaubwürdig und von den Waffeninspekteuren teilweise entsprechend eingestuft worden, behauptet der Präsidentenberater.

Der ehemalige irakische UN-Botschafter Said al Mussawi widerspricht der Anschuldigung, Irak arbeite mit Al Qaida zusammen: Man sei in Kooperation mit den jordanischen Behörden bemüht, die Aktivitäten des mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieds Abu Mosab al Zarqawi im Irak zu beenden. Doch der Mann und seine Gefolgsleute seien illegal eingereist und hielten sich im Nordirak auf, einem Gebiet, über das die Zentralmacht keine Kontrolle habe. Auch die von Powell genannte Gruppe Ansar ul Islam operiere dort. Kurdenführer Jalal Talabani habe im Herbst 2002 von Bagdad Unterstützung bei der Bekämpfung dieser fundamentalistischen Gruppe erbeten und daraufhin „Ausrüstung“ gestellt bekommen.

Erst auf die Nachfrage eines Journalisten rückt al Saadi schließlich mit einer interessanten Mitteilung heraus: Am Donnerstag habe erstmals ein irakischer Wissenschaftler ohne staatlichen Begleiter mit den Waffeninspekteuren gesprochen. Unbeaufsichtigte Gespräche gehören zu den Schlüsselforderungen der UN. Die Inspekteure bestätigten zunächst nur ein Angebot für ein Gespräch.

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