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Unzufriedenheit mit Benedikt XVI. : Missbrauchsopfer kritisieren Papsttreffen

Das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt hat das Treffen von Papst Benedikt XVI. mit Missbrauchsopfern in Erfurt als „scheinheilig“ kritisiert.

In Erfurt hat sich der Papst mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester getroffen.
In Erfurt hat sich der Papst mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester getroffen.Foto: dapd

Die Begegnung sei ein Rückschritt und diene dem Verschweigen, Vertuschen und Verleugnen, sagte der Vorsitzende der Opfervereinigung, Norbert Denef. „Das bringt überhaupt nichts. Das ist eine Strategie, um der Gesellschaft zu signalisieren, wir tun etwas.“ Stattdessen solle die Kirche ihre Akten öffnen und der Politik empfehlen, die Verjährungsfristen bei Missbrauch aufzuheben, forderte Denef. Benedikt XVI. hatte sich am Freitagabend unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit fünf Opfern von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche getroffen.

Nach den Erschütterungen für die katholische Kirche infolge des Missbrauchsskandals wollte Papst Benedikt XVI. auf seiner Deutschlandreise ein Zeichen setzen. Am Freitagabend traf sich der Pontifex in Erfurt mit Opfern sexueller Übergriffe durch Priester und kirchliche Mitarbeiter. Benedikt habe im Erfurter Priesterseminar mit fünf Missbrauchsopfern - zwei Frauen und drei Männern - aus verschiedenen Teilen Deutschlands gesprochen, teilte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi mit. Anschließend traf er Menschen, die sich um Betroffene kümmern und ihnen helfen.

Der Skandal um jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern in kirchlichen und anderen Einrichtungen hatte im vergangenen Jahr an den Grundfesten der katholische Kirche gerüttelt. Sie stürzte in eine tiefe Krise.

„Bewegt und erschüttert von der Not der Missbrauchsopfer hat der Heilige Vater sein tiefes Mitgefühl und Bedauern bekundet für alles, was ihnen und ihren Familien angetan wurde“, hieß es in einer Erklärung des Vatikans und der Deutschen Bischofskonferenz. „Er hat den Anwesenden versichert, dass den Verantwortlichen in der Kirche an der Aufarbeitung aller Missbrauchsdelikte gelegen ist und sie darum bemüht sind, wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu fördern.“ Ein solches Treffen gehörte nicht zum offiziellen Besuchsprogramm des Papstes in Deutschland. Es war aber als symbolische Geste erwartet worden. Lombardi beschrieb das Gespräch als „sehr kommunikativ, sehr friedvoll“. Mit dabei war nach den Angaben auch der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stefan Ackermann.

„Papst Benedikt XVI. ist den Opfern nahe und bringt seine Hoffnung zum Ausdruck, dass der barmherzige Gott, der Schöpfer und Erlöser aller Menschen, die Wunden der Missbrauchten heilen und ihnen inneren Frieden schenken möge“, hieß es in der am Abend verbreiteten Erklärung weiter.

Opferinitiativen bedauerten, dass ihre Vertreter nicht zu dem Treffen eingeladen worden seien. „Wir hätten gerne mit dem Papst geredet“, sagte ein Sprecher der Opfervertretung „Eckiger Tisch“ am Abend. Ähnlich äußerte sich Wilfried Fesselmann von der internationalen Organisation Snap, der nach eigenen Angaben 12 000 Missbrauchsopfer angehören. „Der Papst hört nur Opfer an, die nicht mit den Medien sprechen und in der Nähe wohnen“, sagte er.

Tagsüber hatten Missbrauchsopfer in Erfurt mit einer Mahnwache eine weitere Aufarbeitung von sexuellen Vergehen katholischer Priester gefordert. Seit dem Skandal im vergangenen Jahr habe sich nichts geändert, sagte Teilnehmer Fesselmann.

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Vatikan-Beobachter waren davon ausgegangen, dass Benedikt seinen Deutschlandbesuch nach dem riesigen Missbrauchsskandal in der Kirche nicht ohne ein solches Treffen beenden konnte. Allgemein war erwartet worden, dass es die Begegnung erst an diesem Wochenende in Freiburg geben würde. Dass sie nach einem langen und terminreichen Tag für den 84-Jährigen noch am Freitag in Erfurt stattfand, war überraschend.

Momentan arbeitet die katholische Kirche den Missbrauchsskandal auf. Die Bistümer haben die Prävention verstärkt und wollen Opfer mit bis zu 5000 Euro entschädigen. Bis Mitte September gingen nach früheren Angaben rund 700 Anträge Betroffener ein. Vielen reicht das aber nicht aus.

Der Vatikan hat Begegnungen wie jetzt in Erfurt noch nie offiziell in das Reiseprogramm des Papstes aufgenommen oder sonst vorher angekündigt. Benedikt hat bereits mehrfach Opfer von Priestern der katholischen Kirche unter Ausschluss von Kameras und Öffentlichkeit getroffen, sich von ihnen berichten lassen und mit ihnen gebetet - so in den USA und auch bei seinem Besuch in Malta. (dpa)

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