Politik : Urangeschosse: Neue Vorwürfe gegen Scharping

Um die Vorbereitung deutscher Soldaten auf den Umgang mit Uran-Munition bei ihrem Balkan-Einsatz ist eine Kontroverse ausgebrochen. Der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbandes, Oberst Bernhard Gertz, sieht dabei erhebliche Versäumnisse. Es sei "definitiv falsch", wenn Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) behaupte, das erste Kontingent im Kosovo sei in der Ausbildung auf Uran-Munition vorbereitet worden, sagte Gertz dem Magazin "Focus". Nachdem vom 13. Juni bis 1. Juli vergangenen Jahres 2900 deutsche Soldaten ins Kosovo eingerückt seien, habe das Ministerium erst am 2. Juli "Maßnahmen zu Vorsorge und Schutz" gegen die Gefahren durch Schwermetallstaub oder Strahlung angeordnet. Nach Scharpings eigenen Angaben sei aber "bereits im Mai 1999" im Verteidigungsausschuss der Einsatz der Uran-Munition erörtert worden.

Das Verteidigungsministerium wies die Darstellung zurück und erinnerte daran, dass am 8. August 1996 eine erste Weisung an das deutsche Ifor-Kontingent zum Schutz gegen Strahlenexposition im Einsatzgebiet erfolgt sei. Für den Umgang mit von Uran-Munition getroffenen Fahrzeugen und Munitionsfunden seien im Februar 1997 weitere Regelungen getroffen worden. Die Bundesregierung wusste nach Informationen des Magazins "Spiegel" über den gefährlichen Einsatz von Uranmunition auf dem Balkan weit mehr als bisher zugegeben. Aus einem vertraulichen Bericht für Staatssekretär Peter Wichert ergebe sich, dass im Ministerium zwischen Januar 1989 und März 2000 insgesamt 149 Vorlagen über Munition mit abgereichertem Uran angefertigt wurden.

Die britische Marine lässt die Ausrüstung ihrer Kriegsschiffe mit Uran-Munition auslaufen, nachdem die US-Hersteller die Produktion eingestellt haben. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, die US-Hersteller griffen auf Alternativen zurück. "Daher bleibt uns keine andere Wahl, als dasselbe zu tun."

Der Koordinator für den Wiederaufbau des Balkans, Bodo Hombach, verlangte Aufklärung über den Einsatz uranhaltiger Munition in der Region. Im Inforadio Berlin sagte Hombach, die psychologische Wirkung in den betroffenen Gebieten im Balkan und in den Nachbarländern sei verheerend.

Uranhaltige US-Munition soll auch in Remscheid Opfer gefordert haben, wo am 8. Dezember 1988 ein amerikanisches Erdkampfflugzeug vom Typ Fairchild A-10 abgestürzt und ausgebrannt war. Das Fernsehmagazin "Spiegel TV" berichtete am Samstag, zwei Jahre danach sei ein Junge an Leukämie gestorben, und es träten "zahlreiche mysteriöse Erkrankungen" auf.

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