Politik : Urban 21: Und dennoch ist Stadt die Zukunft (Leitartikel)

Peter von Becker

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, und im nächsten Vierteljahrhundert werden es wohl zwei Drittel der Erdenbürger sein: mehr als fünf Milliarden Menschen. Stadtbürger aber mit den Chancen, Rechten und Pflichten einer urbanen Zivilisation kann man schwerlich noch alle Bewohner jener explosiv wuchernden Mega-Citys nennen, die schon gar nicht mehr Städte heißen. Sondern "Agglomerationen". Ballungsmonster. Ihnen zuerst, den Riesenmetropolen vor allem in Asien, Lateinamerika und Afrika, gilt die Aufmerksamkeit des Weltkongresses "Urban 21" diese Woche in Berlin.

Dabei werden Politiker, Wissenschaftler und Architekten einmal mehr damit konfrontiert, dass angesichts von unkontrolliertem Bevölkerungswachstum, von ökologischer Zerstörung und Landflucht aus sozialer Not die traditionellen Instrumente der "Stadtplanung" kaum noch greifen. Übervölkerung, Slums, Smog, Wassermangel, Verkehrsinfarkte und massenhaft soziale Spannungen rühren aus Problemen, die nicht von Stadtregierungen zu lösen sind und darum Herausforderungen der nationalen und internationalen Politik bedeuten. Trotzdem macht eine Konferenz über die "Zukunft der Städte" nur Sinn, wenn zugleich gefragt wird, welche Art Stadt oder Städte wir uns vorstellen zum Leben. Die Faszination der Großstadt - jenseits der Romantisierung als Moloch, Sündenbabel oder Konsumparadies - ist ja ungebrochen. Sie streift den Touristen gerade auch in Bombay, Mexiko City oder Kairo. Aber zum alltäglichen Leben reizen die chaotisch brodelnden Drittweltstädte den, der die Wahl hat, doch selten. Es ist vor allem die europäische Stadt mit ihren gewachsenen Proportionen, mit ihren Relationen zwischen Kern und Peripherie, zwischen Kulturdenkmälern und Wirtschaftsräumen, mit ihrem Bildungs- und Unterhaltungsangebot, die als Vorbild gilt.

Es geht, für wahre Stadtbürger, um diese alltägliche Verbindung von privatem und öffentlichem Leben, von Beruf und Freizeit, die in den Großstädten der USA bloß New York und Chicago vergleichbar bieten. Wenn heute aber von europäischer Stadtentwicklung die Rede ist, dann richtet sich im In- und Ausland der Blick sehr schnell auf Berlin. Insofern ist der Ort der internationalen Urbanisten-Konferenz jetzt kein Zufall.

Allerdings war die Baustelle Berlin in den letzten zehn Jahren auch ein Ausnahmefall. In Berlin, mit seiner leergefegten Mitte, musste beispielsweise nicht eine übervölkerte, verkehrsüberforderte City entlastet werden durch Entmischung und attraktive Dezentralisierung. Berlins Herz raste nicht, sondern sollte überhaupt erst wieder zum Schlagen gebracht werden. Und darum haben sich einige der besten Ärzte bemüht: internationale Stararchitekten, von Frank O. Gehry aus Kalifornien bis Renzo Piano aus Genua. Man wird kaum sagen können, dass sie in Berlin nun ihre erstaunlichsten Bauten errichtet hätten. Örtliche Traufhöhen, Blockbebauungspläne und allerlei bürokratischer Kleingeist haben oftmals das Kühne, das unverwechselbar Markante und für den neu zu verdichtenden Stadtraum dynamisch Belebende verhindert. So ist Norman Fosters Reichstagskuppel zum bisher einzigen Wahrzeichen des "neuen Berlin" geworden.

Das Exempel der deutschen Kapitale beweist, dass die ideale Stadt nur ein Renaissance-Traum war und Großstädte, die leben sollen, nicht am Reißbrett masterplanbar sind. Wo sich mit Sony und Debis / Daimler am Potsdamer Platz allerdings zwei Konzerne wie moderne, halb absolutistische Fürsten als Planungsherren gegenüberstanden, hat sich dennoch ein Wunder der städtischen Eigenentwicklung ergeben: Die Retorte lebt, von Tag zu Tag und Nacht zu Nacht mehr. Und das hat auch damit zu tun, dass Durchgangsverkehr und ruhigerer, gleichwohl urbaner Binnenraum miteinander kontrastieren. Die Utopie der völligen Verkehrsberuhigung nämlich bedeutet den Tod des Stadtlebens. Allerdings werden sich Verkehrsströme auf Grund veränderter Kommunikationswege - Stichworte: Internet und e-commerce - im 21. Jahrhundert neu ordnen. Wichtigster Ort der Begegnung zwischen Menschen aber bleibt die Stadt. Sie ist, statt Agglomeration, lebendige Kultur. Und der schöne Rest sei: Natur.

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