Politik : „Urbi et orbi“ – aber nicht in 60 Sprachen

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Mit einer LiveVideoschaltung hat der Vatikan versucht, Zweifel an der offiziell behaupteten Gesundung von Papst Johannes Paul II. zu zerstreuen – und zugleich neue Fragen aufgeworfen. Während ein Angehöriger des Vatikans von einem intern zunehmenden Unmut über die „Öffentlichkeitsfalle“ spricht, aus der man nicht mehr herausfinde, vermuten Beobachter, die Kirchenleitung inszeniere nunmehr den „Abschied auf Raten“.

Beim traditionellen nächtlichen Karfreitags-Kreuzweg am Kolosseum war der fast 85-jährige Papst erstmals nur auf Großbildschirmen zu sehen. Die Aufnahmen wurden aus seiner Privatkapelle im Apostolischen Palast eingespielt; sie zeigten den beinahe unbeweglich auf seinem Sessel sitzenden Johannes Paul II. aber nur von hinten. Warum? Darüber waren nur Spekulationen im Umlauf. Der Papst, so vermutet die Zeitung „La Repubblica“, habe während des öffentlichen Kreuzwegs mit seinem persönlichen Leiden allein sein wollen: „Nur Karol (Wojtyla) und Christus.“ Andere weisen darauf hin, dass die Kameras des Vatikanischen Fernsehens schon bei zurückliegenden Auftritten immer weiter auf Distanz gegangen sind. Offenbar sollen das krankheitsverzerrte Gesicht des Papstes und die operierte, verbundene Halszone nicht in Großaufnahme gezeigt werden. Hypothesen zufolge will man dem Papst mehr Intimsphäre sichern und die Gläubigen schrittweise auf einen Abschied vorbereiten. Intern gibt es Kritik daran, dass Johannes Paul II. in allen Leidensaspekten öffentlich „ausgestellt“ wird.

Am Samstagabend zelebrierte der deutsche Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, vor Tausenden Gläubigen im Petersdom die Osterwache. Zum ersten Mal in seiner 26- jährigen Amtszeit konnte Johannes Paul II. der Messe nicht selbst vorsitzen. Der traditionell am Ostersonntag vom Papst erteilte Segen „Urbi et Orbi“ ist bislang nicht abgesagt worden. Als ausgeschlossen gilt jedoch, dass der Papst dies in mehr als 60 Sprachen tut.

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